Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

wurde den Sammel- und Massengräbern das dauernde Ruherecht zuerkannt. Somit 
behielt ein Schlachtfeld, auf dem Gräber und Denkmäler bis heute vom Schlachten¬ 
verlauf Zeugnis ablegen, seinen historisch authentischen Charakter. Auf deutscher 
Seite sollte darüber hinaus bewußt der Eindruck eines riesigen Erinnerungsfeldes be¬ 
wahrt werden.11 Selbst wirtschaftliche Interessen der deutschen Großindustrie wur¬ 
den in diesem Zusammenhang als zweitrangig eingestuft.12 
Dieser rechtliche Rahmen zur Erhaltung der Kriegergräber ermöglichte einen konkre¬ 
ten Freiraum für organisierte Formen des Gefallenen- und Erinnerungskultes, der zur 
Hauptaufgabe verschiedener nationaler Vereine wurde. Dabei entwickelten sich die 
jährlichen Augustfeierlichkeiten zum Spiegel der verschiedenartigen nationalpoliti¬ 
schen Identitäten und Zukunftserwartungen der beiden Bevölkerungsgruppen in Metz. 
Die erste, auf die Stadt begrenzte Organisation "L’oeuvre de l’entretien des tombes 
et du monument de Chambière" ging auf eine Initiative aus der frankophonen, ka¬ 
tholischen Bevölkerung zurück. Sie setzte ihren Gefallenen am 7. September 1871 ein 
Denkmal auf dem Militärfriedhof Chambière (Abb. I),13 das in seiner Ikonographie 
weithin sichtbar auf Trauer und Tod verwies.14 An diesem Tag ruhte das öffentliche 
Leben im trauernden Metz,15 und nach der Gedenkmesse zog der Trauerzug - eine 
schweigende Protestdemonstration von etwa 30 000 Menschen - zum Denkmal. Der 
Metzer Bürgermeister Paul Bezanson wandte sich den Gefallenen mit den Worten zu: 
"Si nous avons arrosé de notre sang cette terre si éminemment française du moins les 
Messins qui survivent et leurs derniers neveux conserveront pieusement, avec cette 
énergie qui leur est propre, le culte du souvenir".16 Der Bischof von Metz schloß sei¬ 
ne Gedenkansprache mit den Worten: "Je m’arrête à ce mot, il est si doux! l’espé¬ 
rance",17 wobei er Bezug nahm auf die Inschriften des Denkmals. Christlich-religiö- 
11 Archives Départementales de la Moselle, Metz (künftig ADM), 12 AL 257. Bei Umbettun¬ 
gen 1892/93 wurde dieses Problem erörtert mit dem Verweis auf eine allerhöchste Anordnung 
Wilhelms I. und später auf einen Ministerialerlaß v. 12. Aug. 1893. 
12 Beabsichtigte Probebohrungen zur möglichen Anlage neuer Erzgruben in dem für die 
Industrie interessanten Gebiet durften nur unter Bewahrung des Schlachtfeldcharakters 
vorgenommen werden, s. ADM, 12 AL 258, u.a. Schreiben des Kreisdirektors an den Bezirks- 
präs. v. 26. Okt. 1910. 
13 E. Bezanson de Viville, L’oeuvre de l’entretien des tombes et du monument de Chambière 
à Metz, in: Le Pays Lorrain et le Pays Messin 7 (1910), S. 667-672, hier 668f. 
14 Die Denkmäler der annektierten Bevölkerung auf reichsländischem Boden wurden über¬ 
wiegend als Trauerdenkmal (wie in Metz durch die Anbringung einer mit Trauerflor verhüll¬ 
ten Urne auf einem Obelisken) auf dem Gemeindefriedhof errichtet (vgl. Gorze, Sablon, 
Longeville), wobei auf Grund des Hausrechtes der Gemeinde eine Auseinandersetzung mit 
der deutschen Seite vermieden werden konnte. Einziges deutsches Exemplar dieses Denkmal¬ 
typs: Denkmal der 12. Infanteriebrigade bei Vionville von 1872. 
15 Jean-Pierre Jean, La Lorraine et ses champs de bataille, Metz 1908, S. 150f. 
16 Bezanson (Anm. 13), S. 670. 
17 Jean (Anm. 15), S. 154. 
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