Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

und Otto Mayer36 in der rue Emile Mayrisch in Esch/Alzette scheint direkt von der 
Architektur des Hüttenkasinos inspiriert zu sein (Abb. 18). Auch die umliegenden 
Wohnhäuser, wie die Häusergruppe 42-46, die 1928 von dem Architekten Gust Scho- 
pen37 errichtet wurde, verraten deutsche Einflüsse, die jedoch nicht direkt auf die 
Bauvorbilder der Gelsenkirchener Bergwerks A.G. zurückzuführen sind. 
Vergleichen wir diese Escher Bürgerbauten mit der entsprechenden Architektur der 
Stadt Luxemburg, etwa im Stadtviertel Limpertsberg, so treffen wir dort auf dieselben 
Bauformen. Möglicherweise konnten die deutschen Bauvorbilder in Esch/Alzette 
durch die Unterbrechung der Bautätigkeit im Ersten Weltkrieg erst spät als Bauvor¬ 
bilder rezipiert werden. Gegenüber dem historistischen Formenapparat, mit dem die 
aufstrebende Mittelschicht zu repräsentieren trachtet, bringen die eingeführten Neu¬ 
bauten eine "modernere" Formensprache hervor, für die erst in den 20er Jahren der 
Boden bereitet ist. 1919 wird der Zollanschluß Luxemburgs an Deutschland aufgelöst. 
Seit 1922 ist Luxemburg wirtschaftlich an Belgien angeschlossen. Wenn sich nun 
gerade in den 20er Jahren auf dem Gebiet der Architektur deutsche Einflüsse fest¬ 
stellen lassen, so bedeutet dies, daß die wirtschaftliche Anbindung hierfür entweder 
nicht ausschlaggebend ist oder daß sich deren Auswirkungen verzögert bemerkbar 
machen infolge der Unterbrechung durch den Krieg und die nur langsam wieder in 
Gang kommende Wohnbautätigkeit danach. So kann sich z.B. der Zuzug deutscher 
Architekten auswirken, wie im Fall von Gust Schopen (aus Aachen) und Georges 
Stoves (aus Castrop), die in den 20er Jahren zahlreiche Aufträge in Esch/Alzette 
ausführen. Die Neuorientierung nach Deutschland im Bereich der Architektur hängt 
auch mit der Tatsache zusammen, daß die Luxemburger Architekten ihre Ausbildung 
nicht mehr überwiegend im französischsprachigen Raum erhalten, sondern daß 
deutsche Hochschulen neben der Pariser Ecole des Beaux Arts an Bedeutung gewin¬ 
nen. Warum sich dieser Wandel vollzieht, bleibt noch zu untersuchen. 
Von Bedeutung für den deutschen Architektureinfluß in Luxemburg ist nicht zuletzt 
das Wirken des Urbanisten Josef Stübben, der bereits 1901 einen Stadterweiterungs¬ 
plan für die Stadt Luxemburg entworfen hat und in den 20er Jahren weitere Pläne für 
die Hauptstadt und für die Ausdehnung von Esch/Alzette anfertigt. Der Plan von 
Esch/Alzette ist ein Flächennutzungsplan mit Zoneneinteilung, die auf der Vorgefun¬ 
denen Situation aufbaut. Darüber hinaus ist der Stübben-Plan als Instrument für eine 
differenzierte Bebauung angelegt. Den Kleinwohnungsbau sieht Stübben "vorzugswei¬ 
se in den westlichen und östlichen Vierteln nahe den Industriewerken" angesiedelt, die 
"vornehmeren Wohnungen" im Bereich der von ihm vorgesehenen Grünanlagen und 
die Geschäftshäuser entlang der Hauptstraßen mit dreigeschossiger Bebauung. Klein¬ 
wohnungen und 'Vornehmere Wohnungen" sollen "nicht mehr als zwei Vollgeschosse 
36 Der Teil des Doppelhauses im Auftrag von Otto Mayer wurde 1923 von dem aus Castrop 
stammenden, 1913 in Luxemburg eingewanderten Architekten Georges Stoves gebaut. 
37 Gust Schopen ist in Aachen geboren und 1914 nach Esch/Alzette gekommen. 
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