Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

Die Studie stellte eine große Leistung dar, jedoch keine Luxemburger Einzelleistung; 
sie reiht sich ein in den Kontext der Entwicklung der Methoden der empirischen 
Sozialforschung einerseits, der Sozialenqueten andererseits. Ähnliche Studien existie¬ 
ren etwa für Basel und für Wien; im Deutschen Reich wurden Gutachten und Berich¬ 
te des "Vereins für Socialpolitik" über "die Wohnungsnot der ärmeren Klassen in 
deutschen Großstädten und Vorschläge zu deren Abhülfe"7 erstellt. In Luxemburg 
wurde Mitte 1907, ein Jahr nach der Häuser- und Wohnungszählung der Kommission 
für Statistik, eine ausführliche Berufs- und Gewerbezählung durchgeführt.8 Schließlich 
erschien in demselben Jahr, also auch 1907, eine Broschüre mit dem Titel "Einiges 
über Wohnverhältnisse der ärmeren Arbeiterbevölkerung in Luxemburg", zusammen¬ 
gestellt vom "Verein für die Interessen der Frau" und herausgegeben in Verbindung 
mit dem "Verein für Volks- und Schulhygiene".9 Eine der Initiatorinnen des erst¬ 
genannten Vereins war Aliñe Mayrisch-de Saint Hubert, die Frau von Emile May- 
risch, seit 1897 Direktor des Düdelinger Hüttenwerkes. 
Düdelingen im Spiegel der Wohnungsstatistik 
Die Enquete erfaßte in detaillierter Weise auch die Wohnverhältnisse in der Indu¬ 
striesiedlung Düdelingen, wobei die Daten in der Zeit von November 1905 bis ein¬ 
schließlich Januar 1906 erhoben wurden.10 
Die Gemeinde Düdelingen, im Süden von Luxemburg an der Grenze zu Frankreich 
gelegen, bestand aus den drei Ortschaften Düdelingen, Büringen und Budersberg. 
Düdelingen ist eine der vielen Ortschaften, die sich sehr rasch im Zuge der Industria¬ 
lisierung vom Dorf zur Industriesiedlung entwickelten und dabei Anfang des 20. 
Jahrhunderts durch einen großherzoglichen Beschluß den Titel "Stadt" verliehen 
erhielten, Düdelingen im Jahr 1907.11 
Am 5. Juli 1882 erfolgte die Gründung des "Eisenhütten-Actien-Vereins Düdelingen" 
(S.A. des Hauts Fourneaux et Forges de Dudelange) mit Bau einer Hüttenanlage und, 
wichtig und erstmalig in Luxemburg, mit der Anwendung des Thomas-Verfahrens zur 
Entphosphorisierung des Eisens, d.h. mit der Möglichkeit, Stahl zu produzieren. 
7 Germaine Goetzinger, Sozialenquete 1907, in: Letzebuerger Almanach ’89, S. 58; zu den 
eventuellen Inspiratoren der Studie von 1905/6 siehe auch die Hinweise am Schluß dieses 
Beitrags. 
8 Publikationen der ständigen Kommission für Statistik, Berufs- und Gewerbezählung vom 12. 
Juni 1907, Luxemburg 1909/10 (Bände XXI bis XXXII). 
9 Wie Anm. 7. 
10 Hierzu ein quellenkritischer Hinweis: Da die Untersuchung im Winter vorgenommen 
wurde, ergeben sich möglicherweise Verzerrungen bei der Einwohnerzahl, bedingt durch die 
Abwesenheit der saisonalen Arbeitskräfte, etwa der Bergarbeiter im Tagebau oder der 
Bauarbeiter; dasselbe gilt im übrigen auch für die Volkszählungen, deren Stichtag der 1. 
Dezember war. 
11 Zur Stadteinweihung s. Léon Koerperich, Robert Krantz u. Jean-Pierre Conrardy, Düdelin¬ 
ger Chronik, Bd. 2, Esch/Alzette 1982, S. 15ff. 
38
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.