Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

brauchte die Saarbrücker und Malstatt-Burbacher als Kunden. Die Saarbrücker 
fanden in ihrer Stadt keine volle Befriedigung ihrer Konsumwünsche und Malstatt- 
Burbach, zahlenmäßig den anderen beiden Städten überlegen, bot seinen Einwohnern 
zu wenig."8 
Im Zuge der durch die Industrialisierung ausgelösten Bevölkerungsexplosion waren 
die Saarstädte aufeinander zugewachsen und hatten sich verkehrmäßig, wirtschaftlich 
und sozial vernetzt. Diese Vernetzung hatte jedoch nicht das Bewußtsein der breiten 
Einwohnerschaft der drei Gemeinden erfaßt. Obwohl einige ’Vordenker’ die ökonomi¬ 
schen und verwaltungstechnischen Vorteile einer Städtevereinigung erkannt hatten, 
sperrten sich zahlreiche Bürger ganz intuitiv gegen die Aufgabe ihrer Selbstverwal¬ 
tung. Der zuständige Landrat stellte 1905 fest: "Meines Erachtens beruht vielmehr die 
Abneigung des oder jenes zu der schwerwiegenden Abstimmung berufenen Stadtver¬ 
treters in mehr äußerlichen Motiven. [...] Ich meine damit u.A das Aufgeben der 
Selbständigkeit der Vaterstadt oder wie der Herr Dr. Muth sich kürzlich ausdrückte 
’des eigenen Hauswesens’, die eventuelle Änderung des Namens derselben."9 
Die entscheidenden Impulse, die dazu führten, daß das Projekt "Vereinigung der drei 
Saarstädte zu einer einzigen Stadt" tatsächlich in Angriff genommen wurde, kamen 
deshalb nicht aus Kreisen der angestammten Bevölkerung der Saarstädte. Den Anstoß 
gab ein Vertreter der ’importierten’ staatlichen Bürokratie. Richard Bötticher, der seit 
1903 als Nachfolger des amtierenden Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks 
Trier von Bake das Amt eines Landrates des Kreises Saarbrücken wahrnahm, legte 
in einem offenen Brief den Bürgermeistern der drei Saarstädte die Vorteile einer 
Städtevereinigung dar: "Welche Summen könnten jährlich in den Städten erspart 
werden, wenn es nur eine kommunale Verwaltung gäbe, und wenn die großen städti¬ 
schen Betriebs-Anlagen (Electricitäts-, Gas- und Wasserwerke, Schlacht- und Viehhö¬ 
fe, Kühlhäuser, Markthallen u.s.w.) unter einheitlicher Leitung ständen, wie würden 
sich die Gehälter und Löhne verringern, von der Kunst (gemeinschaftliches, den 
heutigen Anforderungen entsprechendes Theater) ganz zu schweigen! Wie ganz 
anders könnten die in den Saarstädten vorhandenen [sic] Intelligenz, die vielfachen 
reichen Kräfte auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete sich entwickeln, wenn die 
einzelnen Kommunen zu einer großen Centrale an der Saar auswüchsen, deren 
steigende Bedeutung ein nicht zu unterschätzender Faktor sein dürfte."10 Im folgen¬ 
den wies der Autor auf die Notwendigkeit zum Bau von Kanalisations- und Klär¬ 
anlagen sowie zu Erneuerungsarbeiten an den bestehenden Betriebswerken hin, in die 
die Städte unabhängig voneinander große Geldbeträge investieren müßten. Er bemän¬ 
gelte zudem die letzten Endes kostspielige Fehlkoordination bei der Erstellung der 
örtlichen Bebauungspläne. 
8 Fritz Kloevekom, Wie es zur Vereinigung der Städte kam, in: Saarbrücker Zeitung (SZ) v. 
31. März 1934 (Sonderbeüage zum 25jährigen Jubiläum der Großstadt Saarbrücken). 
9 StadtA SB, Best. SJ (= St. Johann), Nr. 744, Pg. 18f.: Schreiben des Königl. Landrats 
Bötticher an die Bürgermeister der drei Saarstädte 23. Okt. 1905. Allgemeiner Hinweis: Bei 
Zitaten wurden Wortlaut und Orthographie der Originale grundsätzlich beibehalten. 
10 Ebd. 
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