Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

Zweipersonenhaushalte. Unter ihnen fanden sich vornehmlich alte Ehepaare, bei 
denen der Mann keine Altersrente erhielt oder krank war, und alte kranke Menschen, 
die von einem im Haushalt lebenden erwachsenen Kind versorgt wurden. Witwe 
Michel Becker litt an Epilepsie, Witwe Joseph Dietrich war fast erblindet, auf einem 
Auge ganz blind. 
Untersucht man die Frage, in welchen Altersgruppen das Risiko, Armenunterstüt¬ 
zungsempfänger zu werden, besonders hoch war, so treten zwei Lebensabschnitte be¬ 
sonders deutlich hervor. Dies war zum einen die Familienphase im Alter von 30 bis 
ca. 45 Jahren, Hier verarmten vornehmlich kinderreiche Familien, bei denen der Er¬ 
nährer durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit nicht mehr für den Unterhalt der Fa¬ 
milie aufkommen konnte und alleinerziehende Frauen mit mehreren Kindern. Ein 
ebenso hohes Risiko zu verarmen brachte das Alter mit sich. Daran hatte sich trotz 
Einführung der Sozialversicherung noch nichts geändert. Hier mußten vor allem alte 
Ehepaare und alleinstehende Alte die Armenfürsorge beanspruchen. 
Differenziert man die Armenunterstützungsempfänger nach Geschlecht, so läßt sich 
feststellen, daß bei den unterstützten Männern die Gruppe der Tagelöhner und 
Handwerker am stärksten davon betroffen war, auf das Niveau der öffentlichen 
Armenfürsorge abzusinken. Tagelöhner - unter dem Begriff wurde auch eine Reihe 
von Arbeitern, speziell Hütten- und Industriearbeiter, geführt - hatten eine sehr 
schlechte soziale Absicherung. Das Handwerk unterlag in der Hochindustrialisierungs¬ 
phase einem Schrumpfungsprozeß. Da überwiegend selbständige und bessergestellte 
Handwerker in den Unterstützungskassen versichert waren und die soziale Absiche¬ 
rung des Handwerks in Form einer Altersversorgung erst 1938 festgeschrieben wurde, 
fielen diejenigen Handwerker, die sich im Verdrängungs- und Wachstumsprozeß nicht 
behaupten konnten, der Armenfürsorge anheim.46 
Die Frauen hingegen waren in ganz besonderem Maße von Armut betroffen, der 
drastische Frauenüberschuß unter den öffentlich Unterstützten ist auffällig. "Im 
Durchschnitt sämtlicher Armenverbände waren von den dauernd Unterstützten 23,99 
Procent Männer und 76,71 Procent Frauen und von den vorübergehend Unterstützten 
62,51 Procent Männer und 37,49 Procent Frauen."47 Die Malstatt-Burbacher Unter¬ 
stützungslisten bestätigen diese Zahlen. Danach lag der Prozentsatz der selbstunter¬ 
stützten Frauen in Malstatt-Burbach in den Jahren 1880-1886 zwischen 66% und 78%, 
1899 lag er bei 83%, um dann 1900 und 1901 sogar auf 84% und 85% zu klettern. 
Von allen unterstützten Frauen waren 73-83% (!) Witwen. Die übrigen Frauen waren 
meist kranke, behinderte und unverheiratet gebliebene Frauen, sowie eheverlassene 
und getrennt lebende Frauen. Katharina Feith mußte zum Armenamt gehen, weil ihr 
46 Karl Heinrich Kaufhold, Das Handwerk zwischen Anpassung und Verdrängung, in: Sozial¬ 
geschichtliche Probleme in der Zeit der Hochindustrialisierung (1870-1914), hrsg. v. Hans 
Pohl, Paderborn u.a. 1979, S. 109-113. Detlef Zöllner, Landesbericht Deutschland, in: Ein 
Jahrhundert Sozialversicherung in der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Großbritan¬ 
nien, Österreich und der Schweiz, hrsg. v. Peter A Köhler u. Hans F. Zacher, Berlin 1981, 
S. 130. 
47 Böhmert (Anm. 37), S. 109. 
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