Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

gegen die Einführung des Gesetzes in der Hand. Tatsächlich kam es nicht zur Ein¬ 
führung des Unterstützungswohnsitzgesetzes. Dies sollte erst zum 1. April 1910, also 
17 Jahre später geschehen.42 
Sozialstatistische Analyse der städtischen Armenbevölkerung 
Eine quantitative Bestimmung der Armenbevölkerung in Alt-Saarbrücken, St. Johann 
und Malstatt-Burbach war aufgrund der Aktenlage nicht möglich. Dennoch können 
nach der Auswertung der Listen der Hauptunterstützungsempfänger (Alt-Saarbrücken 
für 1904, St. Johann für 1899, Malstatt-Burbach für 1880-1886 und 1899-1901)43 
einige Aussagen über die Lebensverhältnisse der Armen in den Saarstädten gemacht 
werden. Statistisch erfaßt wurden nur die dauernd Unterstützten, also die Ärmsten 
der Armen. Inwieweit diese Aussagen auch auf jene Schicht der Bevölkerung zutref¬ 
fen, die am Rande der Armut lebte und die in Zeiten persönlicher und wirtschaftli¬ 
cher Krisen auf das Niveau der öffentlichen Fürsorge zeitweilig herabsank, muß offen 
bleiben. Generell gilt, daß von 100 Selbstunterstützten im Durchschnitt 65% dauernd 
unterstützt wurden und 35% vorübergehend. Dabei waren 86% aller Unterstützten 
Erwachsene und 14% Kinder.44 
Betrachtet man zunächst die Haushaltsstruktur der Armenunterstützungsempfänger, 
so ergibt sich folgendes Bild: 31,2% aller Armenhaushalte in Alt-Saarbrücken und St. 
Johann waren Einpersonenhaushalte. Nur 23% der unterstützten Haushalte in 
Alt-Saarbrücken waren vollständige Familien, d.h. sie bestanden aus Eltern und 
Kindern. In diesen Familien dominierten eindeutig Haushalte mit mehr als drei 
Kindern. Die Lebensverhältnisse werden so beschrieben: "daß die Familie Spix wohl 
sehr zu kämpfen hat, daß sie durchkomme [...] Die Ehefrau ist vollständig erwerbs¬ 
unfähig und auch pflegebedürftig. Die älteste Tochter war [...] bis vor einigen Wochen 
krank, am 1. April kommt dieselbe nach Herr Wronker als Verkäuferin. Der 14jäh- 
rige Sohn ist Polsterlehrling und verdient noch nichts. Der Ehemann war auf einige 
Wochen krank. Nach Aussage des Herrn Dr. Bayer soll derselbe Magengeschwür 
gehabt haben. Die Ehefrau ist sehr verschlossen, sie scheint ihre Not nicht offenbaren 
zu wollen."45 
Bei den insgesamt 37 unvollständigen Familien standen einem Witwer, der sechs 
Kinder zu versorgen hatte, 36 alleinstehende, eheverlassene oder verwitwete Frauen 
mit einem oder mehreren Kindern gegenüber. Die meisten dieser Frauen arbeiteten 
regelmäßig, ihr Lohn reichte jedoch nicht aus, die vielköpfige Familie zu ernähren. So 
arbeitete z.B. Witwe Jakob Schwender mit neun Kindern als Tagelöhnerin, Witwe 
Klara Jakob Lingel (sechs Kinder) als Büglerin und Ehefrau Philipp Schneider (sieben 
Kinder) als Wäscherin. In St. Johann waren 21% aller unterstützten Haushalte 
42 Ruland (Anm. 37), S. 37ff. Sachße u. Tennstedt (Anm. 3), S. 204. 
43 StadtA SB, Best. AS Nr. 82 u. Nr. 87, p. 23-34. Ebd., Best. MB Nr. 684 u. 244. 
44 Böhmert (Anm. 37), S. 109. 
45 StadtA SB, Best. AS Nr. 1750/B, p. 156. 
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