Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

Amerika abgesetzt hatten oder eine Haftstrafe verbüßen mußten, waren darunter.39 
Für jede dieser Personen mußte zunächst nach einer Konsultation beim Armenarzt 
ein geeigneter Aufenthaltsort oder eine Pflegemöglichkeit gefunden werden, dann 
mußte der zur Zahlung verpflichtete Ortsarmenverband ausfindig gemacht werden. In 
der Regel mußte der Rheinische Landarmenverband die Kosten übernehmen, da die 
Ausgewiesenen ihren deutschen Unterstützungswohnsitz nach zweijährigem Aufenthalt 
in Elsaß-Lothringen verloren hatten. St. Johann hatte ebenfalls eine recht hohe Zahl 
Ausgewiesener aufzunehmen, denn die meisten Personen kamen mit dem Zug an, 
und nach der Rechtslage trat die Hilfsbedürftigkeit an dem Ort ein, an dem die 
Armen das preußische Gebiet zuerst betraten. Insgesamt mußten z.B. von Mai 1885 
bis März 1892 387 aus Elsaß-Lothringen ausgewiesene Personen in den Saarstädten 
aufgenommen werden. Von diesen Ausgewiesenen übernahm Alt-Saarbrücken 187 
Personen, St. Johann 147 Personen und Malstatt-Burbach 53 Personen.40 Nicht 
selten waren langfristige Verhandlungen mit elsaß-lothringischen und preußischen 
Behörden notwendig, ehe es zur Ausweisung kam. So wurde z.B. im Fall des Säug¬ 
lings Karl Adolf Diener, dessen Mutter bei der Geburt des unehelichen Kindes starb, 
die Ausweisung erst vier Monate nach dem Antrag genehmigt. Inzwischen war der 
Säugling, vermutlich wegen mangelnder Pflege und Zuwendung, im Metzer Hospiz 
gestorben. Ähnliches ereignete sich im Fall von Helma Mannebarth. Sie war im 
September 1901 in der Strafanstalt Hagenau zur Welt gekommen und war die Toch¬ 
ter der in Luxemburg geborenen unverheirateten Dirne Susanna Mannebarth, die in 
Hagenau eine zweieinhalbjährige Haftstrafe wegen Diebstahls verbüßte. Auch sie 
starb im Frühjahr 1902 in der Strafanstalt Hagenau, noch ehe ihre Ausweisung 
genehmigt wurde. 
1893 stand im Reichstag eine Änderung des Unterstützungswohnsitzgesetzes an. Alle 
drei Städte konnten sich jetzt zu einem einheitlichen Vorgehen entschließen und 
sprachen sich für eine Ausdehnung des Unterstützungswohnsitzgesetzes auf Elsaß- 
Lothringen aus. Die Initiative ging hierbei von Malstatt-Burbach aus, das nachweislich 
von der Ausweisungsproblematik am wenigsten betroffen war. Die Stadt beschloß, 
eine Petition zur Änderung des Unterstützungswohnsitzgesetzes an den Reichstag zu 
richten. Sie argumentierte damit, daß die Gefahr einer finanziellen Überlastung 
Elsaß-Lothringens wegen der rückläufigen Zahl der Auswanderer nicht mehr bestehe, 
daß die bisher gehandhabte Praxis der Verteilung der Armen nicht rechtens sei und 
daß zusätzlich zu dem umfangreichen bürokratischen Aufwand das eigene städtische 
Proletariat vermehrt würde.41 In der Reichstagsdiskussion prallten deutsche und 
elsaß-lothringische Vorstellungen aufeinander. Elsaß-Lothringen wollte unbedingt eine 
Ausdehnung des Gesetzes verhindern. Mit dem Argument, daß erst eine Steuerreform 
durchgeführt werden müsse, damit die Kommunen überhaupt in der Lage seien, die 
zu erwartenden Mehrausgaben zu tragen, hatte man schließlich gewichtige Gründe 
39 StadtA SB, Best. SJ Nr. 92. Ebd., Best. AS Nr. 1750/A p. 28-33 u. 58f. 
40 StadtA SB, Best. SJ Nr. 92. 
41 Ebd. 
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