Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

der Entscheidungsbefugnis auf die Bezirksvorsteher und die Integration der Privat¬ 
wohltätigkeit in die kommunale Fürsorge.25 
Offen bleibt die Frage, warum man sich noch so spät für das "Elberfelder System" als 
Organisationsmodell entschied, da die Erfahrungen aus der Praxis zunehmend seine 
Schwächen erkennen ließen. Dies wundert um so mehr, als sich im Reichsland 
Elsaß-Lothringen seit 1905 im sog. Straßburger System neue armenfürsorgerische 
Grundsätze durchgesetzt hatten. Dort wurde die Quartiereinteilung aufgegeben, man 
richtete eine Zentralstelle mit hauptberuflich tätigen Arbeitskräften ein, die die 
Unterstützungsgesuche unter formalen Gesichtspunkten hin bearbeiteten; die ehren¬ 
amtlich tätigen Pfleger wurden unabhängig von bestimmten Bezirken, allein nach ihrer 
Qualifikation und Eignung eingesetzt,26 Da der Willensbildungs- und Entscheidungs¬ 
prozeß um die Saarbrücker Armenordnung nicht überliefert ist, läßt sich nur ver¬ 
muten, weshalb Saarbrücken dennoch beim Elberfelder System blieb. Fehlende 
Informationen über das noch recht junge Modell und Festhalten an dem, was sich 
nach Meinung der Stadtverordneten bewährt hatte, dürften wohl ausschlaggebend 
dafür gewesen sein, daß echte Neuerungen auf dem Gebiet der Armenfürsorge bei 
der Großstadtbüdung nicht unternommen wurden. 
Maßnahmen gegen Armut und Verelendung 
Alle drei Saarstädte konnten im Kaiserreich Volksküchen aufweisen. In Alt-Saar¬ 
brücken stand die Volksküche unter der Leitung des örtlichen Frauenvereins, der 
1886 die 1855 gegründete "Actien-Speiseanstalt" übernahm. Zu dieser Einrichtung 
leistete die Stadt einen jährlichen Zuschuß von rund 1000 Mark. In Malstatt-Burbach 
entschied man sich - allerdings erst im Dezember 1901 - zu einer ähnlichen Ein¬ 
richtung im katholischen Schwesternhaus, zu der die Stadt ebenfalls einen Zuschuß 
leistete.27 Allein St. Johann hatte als einzige der drei Städte eine von der Stadt 
selbst betriebene Volksküche.28 Die Initiative zur Gründung ging im Winter 1889 
von der "St. Johanner Camevalsgesellschaft" aus, die anregte, im ehemaligen Gerber¬ 
schulhause eine Kinder-Suppenanstalt für arme Schulkinder einzurichten (Abb. 3). 
Der darauffolgende harte Winter machte weitere Initiativen nötig, so daß im Januar 
1891 im Erdgeschoß des Gerberschulhauses unter der Leitung der Armenverwaltung 
eine Suppenanstalt eröffnet wurde. Bis zum Aufbrauchen der geschenkten Lebens¬ 
mittel stand die Anstalt unter der Bezeichnung Armenküche nur den Armen der Stadt 
zur Verfügung, die kostenlose Suppenportionen erhielten. Erst ab Februar wurde der 
eigentliche Betrieb als Volksküche für alle städtischen Einwohner aufgenommen, jetzt 
25 Armenordnung der Stadt Saarbrücken nebst Ausführungs-Bestimmungen und einem 
Anhänge, Saarbrücken 1909, S. 3, 4 u. 6. 
26 Sachße u. Tennstedt (Anm. 3), S. 218-221. Sachße (Anm. 18), S. 40-48. Klumker (Anm. 10), 
S. 61-64. Reulecke (Anm. 11), S. 67. 
27 Ruppersberg (Anm. 5), S. 437. StadtA SB, Best. MB Nr. 638. 
28 Zum folgenden StadtA SB, Best. SJ Nr. 258 u. 257. 
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