Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

und evangelische Schwestern übernahmen die Armenkrankenpflege. Die Stadt unter¬ 
hielt keine eigenen Anstalten oder besondere Einrichtungen für Arme und Waisen. 
Abkommen mit anderen Anstalten bezüglich der Pflege armer Personen wurden auch 
nicht eingegangen.22 
Besonders negativ fällt für Malstatt-Burbach die wohl übliche Abschiebepraxis von 
Armen nach St. Johann ins Gewicht. Allein im Jahr 1891 führten vier Fälle, in denen 
Hilfsbedürftigen die gesetzlich vorgeschriebene und erforderliche Unterstützung 
verweigert wurde, zu schweren Auseinandersetzungen mit dem St. Johanner Orts¬ 
armenverband. So wurde beispielsweise die standeslose 18jährige Katharina Weber, 
Tochter eines Nähmaschinenreisenden mit unbekanntem Aufenthalt, die mit ihren 
fünf Geschwistern, die 15, 10, 7, 5 und 2 Jahre alt waren, bei Familie Krancher auf 
der Schleifmühle wohnte, mit ihren Geschwistern am Abend des 5. Januar 1891 bei 
minus 10°C mitsamt ihrem Mobiliar vor die Tür gesetzt. Der von den Vermietern 
herbeigerufene Schutzmann erklärte, sie hätten kein längeres Recht auf Aufenthalt in 
Malstatt-Burbach, und schickte die Geschwister, von denen das zweijährige noch 
ständig auf dem Arm getragen werden mußte, zu Fuß nach St. Johann, wo sie völlig 
verfroren auf dem Polizeibüro ankamen und um Hilfe baten. In einem anderen Fall 
brachte ein Schutzmann eine lungenkranke, ehemals in St. Johann beschäftigte 
Dienstmagd am dritten Tag ihrer ordentlichen Anmeldung in Malstatt-Burbach an die 
Stadtgrenze von St. Johann, wo er ihr ihre Papiere aushändigte. Das Mädchen war 
völlig verzweifelt und "in ihrer Bestürzung willens gewesen sich in die Saar zu stür¬ 
zen", wie es in den Akten heißt. St. Johann wies die junge Frau zur medizinischen 
Versorgung ins Langwiedstift ein.23 
Die Pro-Kopf-Ausgaben der Malstatt-Burbacher Armenverwaltung belegen in signifi¬ 
kanter Weise das äußerst restriktive Vorgehen gegen Arme und das geringe Engage¬ 
ment der Stadt. 1892 und 1893 lagen die Pro-Kopf-Ausgaben mit 1,35 Mark niedriger 
als diejenigen in Alt-Saarbrücken,24 welches ja eine bedeutend aktivere Privatwohl¬ 
tätigkeit hatte. Bis zur Jahrhundertwende übertrafen sogar die Ausgaben St. Johanns 
bei weitem diejenigen von Malstatt-Burbach. 
Nach der Vereinigung der drei Städte zur Großstadt Saarbrücken am 1. April 1909 
mußte sich das neue Gemeinwesen zu einer einheitlichen Organisationsform der 
Armenfürsorge entschließen. Man entschied sich für die vollständige Einführung des 
"Elberfelder Systems". Es lassen sich jedoch nur wenige Fortschritte gegenüber den 
vorher schon in Alt-Saarbrücken und St. Johann praktizierten Organisationsformen 
erkennen. Hierzu gehören die Bestellung von Armenpflegerinnen, die Übertragung 
22 Ebd., Nr. 543. 
23 Ebd., Nr. 716. 
24 Berechnet nach Voranschlag zum Haushalte für die Stadtgemeinde Malstatt-Burbach für 
das Jahr 1893/94, Malstatt-Burbach 1893, S. 27 (Betrag des Vorjahres) und Bericht über den 
Stand und die Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten der Stadtgemeinde Malstatt-Bur¬ 
bach für das Jahr 1894/95 nebst Haushaltsetat für das Jahr 1895/96, Malstatt-Burbach 1895, 
S. XVIII (Gemeinderechnungen für das Jahr 1893/94). 
270
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.