Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

Im Bereich der Armenfürsorge blieben außerdem die spezifischen Probleme einer 
Grenzregion erhalten, da Bayern (bis 1910) und Elsaß-Lothringen (bis 1916) nicht 
zum Geltungsbereich des Unterstützungswohnsitzgesetzes gehörten und armenrecht¬ 
lich somit als Ausland galten.3 Die besondere Belastung der Saarstädte durch aus 
Elsaß-Lothringen ausgewiesene Personen und eine sozialstatistische Analyse der 
städtischen Armenbevölkerung schließen die Untersuchung ab. 
Bei der Bearbeitung des Themas mußte von den Beständen des Stadtarchivs Saar¬ 
brücken ausgegangen werden. Dabei ergaben sich folgende Probleme: 
Der überlieferte Aktenbestand war sehr lückenhaft, einschlägige Akten fehlten oft. So 
fehlt z. B. das Schriftgut zur Entstehung der St. Johanner Armenordnung. Die städti¬ 
schen Initiativen sind heute nur noch faßbar, wenn sie in den Akten überliefert sind. 
Daß Alt-Saarbrücken und Malstatt-Burbach z.B. bei der Verteilung von Frühkost für 
arme Schulkinder nicht erwähnt werden, heißt nicht, daß es derartiges dort nicht gab. 
Es ist nur nichts darüber überliefert. So muß offen bleiben, inwieweit bestimmte 
Aktivitäten tatsächlich fehlten oder scheinbares Fehlen durch die ungünstige ar- 
chivalische Überlieferung bedingt ist. Die uneinheitliche Registraturführung und 
Archivierung in den drei ehemals selbständigen Städten brachte ebenfalls Schwierig¬ 
keiten mit sich. Für einige Bereiche, wie z.B. die Organisation der Armenfürsorge in 
Malstatt-Burbach, fanden sich nur knappe Hinweise an anderer Stelle. Auch differier¬ 
te die historische Aussagekraft der Akten der drei Städte erheblich. Diese Probleme 
müssen bei einem Vergleich der Armenfürsorge in den drei Saarstädten berücksichtigt 
werden. 
Die Organisation der Armenfürsorge 
Richtungweisend für die Organisation der kommunalen Armenfürsorge im zweiten 
deutschen Kaiserreich im Sinne einer rationell organisierten, offenen Armenfürsorge 
war das sog. Elberfelder System, das erstmals 1853 in der Industriestadt Elberfeld 
eingeführt wurde. Seine wichtigsten Prinzipien waren Ehrenamtlichkeit (Bestellung 
von Pflegern), Individualisierung (nur eine geringe Anzahl von Pfleglingen), Dezen¬ 
tralisierung (Quartiersystem) und das Vermeiden von Dauerleistungen.4 St. Johann 
und Alt-Saarbrücken führten zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit einigen 
Modifikationen dieses System ebenfalls ein. 
Die kommunale Armenfürsorge in St. Johann wurde ein Jahr nach Amtsantritt von 
Bürgermeister Neff neu gestaltet.5 Die Armenordnung vom 22. März 1889 sah die 
3 Christoph Sachße u. Florian Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland. Vom 
Spätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg, Stuttgart u.a. 1980, S. 204. Wilhelm Böhmert, Armenwe- 
sen und Wohlfahrtspflege, in: Die deutschen Städte, hrsg. v. R. Wuttke, 2 Bde. Leipzig 1904, 
S. 65 lf. 
4 Sachße u. Tennstedt (Anm. 3), S. 214-216. 
5 Albert Ruppersberg, Geschichte der Stadt Saarbrücken, Bd. 2: Geschichte der Städte 
Saarbrücken und St. Johann von 1815 bis 1909, der Stadt Malstatt-Burbach und der ver¬ 
einigten Stadt Saarbrücken bis zum Jahre 1914, Nachdruck 21914, St. Ingbert 1979, S. 542. 
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