Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

einzuführenden "Normalbauordnung"19 detaillierte Bauordnungen erließen, in Stra߬ 
burg seit 1892.20 
Um diese Gestaltungschance ergreifen zu können, mußte eine Stadt zuvor das drän¬ 
gendste finanzielle Problem dabei lösen: Die Frage, wer die Grundstücks- und An¬ 
lagekosten für die neu zu bauenden Straßen zu tragen hat. Mit dem § 4 des Landes¬ 
gesetzes von 1879 wurden sie in Straßburg auf die Anlieger abgewälzt - das war zwar 
nicht gegenüber den Mainzer Verhältnissen seit 1875, wohl aber gegenüber der Praxis 
in Frankreich eine grundlegende Neuerung. Noch bis zur Entfestigung von Paris 1926 
(vorher gab es nur 1914 eine Sonderregelung für die Kolonie Marokko) kannte das 
französische Recht keine vergleichbaren Straßenkosten- oder Erschließungsbeiträge 
der Anlieger an neuen Straßen. Für die grundsätzlich andere Lösung dieser Frage 
durch Erhebung "konstanter Geldbeiträge", die Baumeister 1878 zusammen mit ande¬ 
ren Bauvorschriften für Straßburg anregte,21 gab es in der deutschen Verwaltungs¬ 
tradition zwei unterschiedliche Begründungen: Im Verzicht auf Zuschußzahlungen der 
Anlieger zu den Investitionen der Stadt sah seinerzeit der Bürgermeisterei-Verwalter 
Back eine "ungerechte Belastung der Gesamtheit der Gemeindemitglieder zugunsten 
Einzelner. Denn erst durch die ordnungsmäßige Herstellung der Straßen erhalten die 
anstoßenden Grundstücke die Eigenschaft wirklicher Bauplätze".22 Nach der Jahr¬ 
hundertwende kam unter dem Eindruck der großstädtischen Bodenspekulation die 
stärker fiskalische Ansicht hinzu, der Anliegerbeitrag müsse als eine Art einmaliger 
Abgabe auf die stetige Wertsteigerung städtischen Baulands erhoben werden.23 
In Straßburg wurde der Anliegerbeitrag seit 1879 pauschal nach der Länge der Stra¬ 
ßenfront bemessen; mit seinem Ertrag finanzierte die Stadt die Anlage der Straßen 
in der ’Neustadt’, die um bis zu 2,50 m höher gelegt werden sollten. Das war wegen 
der Überschwemmungsgefahr notwendig, sollte aber auch schon - vorausschauend - 
die später vorgesehene Anlage einer Schwemmkanalisation erleichtern.24 Bis heute 
bildet der Anliegerbeitrag (taxe de riverain) zugunsten der Gemeindekassen einen für 
die Gemeinden wichtigen Bestandteil des seit 1918/19 so genannten "droit local 
alsacien-mosellan", das Rechtsentwicklungen aus deutscher Zeit bewahrt. Gegen 
19 Zu Baumeisters Bauordnungsentwürfen Stefan Fisch, Stadtplanung im 19. Jahrhundert. Das 
Beispiel München bis zur Ära Theodor Fischer, München 1988, S. 130-132 sowie allgemein 
zur Problematik S. 100-111. 
20 Wittenbrock (Anm. 16), S. 163-175 (Bauordnung v. 1. März 1892) u. S. 227-239 (Zonenbau¬ 
ordnung v. 12. April 1910). 
21 Baumeister, in: Protokolle (Anm. 9), S. 58. 
22 Otto Back, Aus Straßburgs jüngster Vergangenheit. Die städtische Verwaltung in der Zeit 
vom 12. April 1873 bis zum 25. April 1880, Straßburg 1912, S. 200f. 
23 Karl Eichelmann, Die Erweiterung der Stadt Straßburg (auf Grund des Vertrages der Stadt 
mit dem Deutschen Reiche v. 2. Dez. 1875) (= Beiträge zur Statistik der Stadt Straßburg i. 
E. 6), Straßburg 1907, S. 14. 
24 J. Krieger, Topographie der Stadt Straßburg nach ärztlich-hygienischen Gesichtspunkten 
bearbeitet, Straßburg 1885, S. 65f. (dazu der Geländequerschnitt Tafel I, Abb. 5A.). 
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