Full text: Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum

teilung der Lage eine Zäsur. Der Statthalter sah seine Überzeugung bestätigt, daß der 
"Souvenir Français" eine politisch motivierte Organisation sei, die die profranzösischen 
Tendenzen in der Bevölkerung künstlich aufrechterhalte. Unterstützt wurde er vom 
kommandierenden General des 16. Armeekorps, von Prittwitz und Gaffron, der eine 
direkte Gefährdung der Germanisierung sah und für radikale Maßnahmen ein¬ 
trat.116 Das Mißtrauen auf deutscher Seite wuchs beständig an, da das Wiedererwa¬ 
chen profranzösischer Tendenzen nicht mehr zu übersehen und zu verharmlosen war. 
Ende des Monats wurden generell Erinnerungszüge in Begleitung von Musik, franzö¬ 
sischen Fahnen und Banner mit französischer Aufschrift sowie Festbankette im Rah¬ 
men von Gedenkfeierlichkeiten verboten.117 Nach diesen ersten, eher halbherzigen 
Maßnahmen verlagerten sich die immer stärker werdenden profranzösischen Manife¬ 
stationen mit großer Symbolvielfalt in den legalen Rahmen der verschiedenen Sport- 
bzw. Musikvereine. 1909 zählte der "Souvenir Français" im Reichsland etwa 2000 aus 
frankophonen Gebieten kommende Mitglieder.118 Daneben wurden in diesem Geist 
patriotische Vereine gegründet, wie z.B. "La Lorraine sportive", die enge Verbindun¬ 
gen zu Frankreich unterhielten,119 
Zwischenfälle häuften sich, die von der deutschen öffentlichen Meinung immer schär¬ 
fer in den Vordergrund gespielt wurden. Im Vorfeld der 40jährigen Erinnerungsfeier, 
die mit der Zusage des Kaisers zu einem allgemeinen deutschen Veteranen-Gedenk- 
fest stilisiert wurde,120 kam es zum ersten Mal zu einer öffentlichen Konfrontation 
zwischen deutschen und französischen Zeitungen.121 Der gegenseitige, nationalpoli¬ 
tisch motivierte Schlagabtausch nahm ein solches Ausmaß an, daß sich die "Metzer 
Zeitung" genötigt sah, den angereisten Veteranen einen positiven Stimmungsbericht 
zu liefern.122 Entgegen der gespannten Atmosphäre verliefen die Feierlichkeiten je¬ 
doch in ernstem, würdevollem Rahmen. Zwischenfälle an der Grenze wurden nicht 
bekannt, das Tragen von militärischen Ehrenzeichen der Veteranen wurde von beiden 
Seiten diesseits und jenseits der Grenze geduldet.123 Dieser Rücksichtnahme auf lo¬ 
kaler Ebene standen antifranzösische Überzeugungen auf regionaler und nationaler 
Ebene entgegen, wobei gegen den "Souvenir Français" polemisiert wurde, denn "der 
116 Roth (Anm. 84), S. 58. 
117 Jean (Anm. 35), S.28ff. 
118 Roth (Anm. 84), S. 59f., eine Liste der "Fondateurs et Collaborateurs du Souvenir Français 
et du Souvenir Alsacien-Lorrain" in: Jean-Pierre Jean, Lorraine et Alsace, Metz 1922, S.117ff. 
119 Roth (Anm. 84), S. 60ff. 
120 ADM, 12 AL 199. Jahresbericht der "Vereinigung" für 1908, S. 25f. u. nach dem Jahres¬ 
bericht der "Vereinigung" für 1910, S. 8: Aufruf an die Kriegsteilnehmer von 1870/71, ver- 
öffentl. in etwa 300 deutschen Zeitungen. 
121 Metzer Zeitung v. 3. Aug. 1910. 
122 Metzer Zeitung v. 13. Aug. 1910: "Wir versichern den Veteranen, [...] daß die lothringische 
Bevölkerung nicht auf dem Tiefstand eines Teiles der lothringisch-einheimischen Presse steht." 
123 Rheinisch-Westfälische Zeitung v. 15. Aug. 1910. 
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