Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

2. Der saarländische Arbeiter blieb bis ins frühe 20. Jahrhundert in einem beachtli¬ 
chen Maße der agrarischen Welt, aus der er stammte, verhaftet. Zwar bildete den 
Prototyp des saarländischen Bergmanns nicht der Arbeiterbauer, die saarländische 
Arbeiterschaft war viel zu heterogen, als daß ein Typus vorherrschend blieb, sosehr 
jeder Arbeiter allerdings Grund und Boden anstrebte. Zwei verschiedene Entwicklun¬ 
gen überschnitten sich. Im Maße der Ausweitung des Bergbaus und der Industrialisie¬ 
rung der Saarregion wurde die Arbeiterschaft zum einen nicht von fremden bzw. 
auswärtigen Kräften ergänzt; sukzessive rekrutierte sie sich aus dem ländlichen 
Umfeld, später vor allem aus dem Norden, das ein reines Agrarland war mit starkem 
Nebenerwerbszwang. Zum anderen vollzog sich die Formierung einer relativ einheit¬ 
lichen Lohnarbeiterschaft in drei Phasen. Betrieb man den Bergbau anfangs von der 
alten Wohnstätte her, ohne sich zu scheuen, alltäglich lange Wegstrecken auf sich zu 
nehmen, so ging später eine steigende Schicht dazu über, während der Woche sich an 
der Arbeitsstelle eine Untermiete zu suchen oder sich im Schlafhaus einzuquartieren 
und nur das Wochenende daheim zu verbringen; die letzte Phase ist dadurch geprägt, 
daß die Arbeiterfamilie in die neu gegründeten Kolonien umzog bzw. in Bergwerksor¬ 
ten ein Haus baute. Zwar löste sich dadurch die traditionell agrarische Bindung - 
allerdings mit unterschiedlicher Intensität -, aber stets lebte der Bergmann mit seiner 
Familie nicht nur von seinem Lohn; für den alltäglichen Lebensunterhalt ebenso 
wichtig war der kleine landwirtschaftliche Betrieb mit der Haltung von Kleinvieh und 
einem Garten, für den zumeist die Ehefrau verantwortlich war. Die Grenzen zwischen 
einer landwirtschaftlichen Tätigkeit mit bergmännischem ‘Nebenerwerb4 und einer 
bergmännischen Tätigkeit mit agrarischer Nebentätigkeit waren fließend. Deswegen 
war der Bergmann nicht völlig auf den Bergmannslohn angewiesen sowie auf Gedeih 
und Verderb der Politik der Bergwerksdirektion unterworfen. Auch er erlebte den 
Übergang zur ausschließlich industriellen Arbeit nicht als sozialen Bruch in seinem 
Leben, wie die Arbeiter z. B. in anderen deutschen Regionen. Er war und blieb lange 
den verschiedenen Welten verbunden. Wie stark in diesem relativ gleitenden Über¬ 
gang auch die Einbindung in die traditionelle agrarische Kultur und Werkwelt 
erhalten blieb, ist nicht genau abzuschätzen. Was jedenfalls die alltäglichen Gewohn¬ 
heiten des Arbeiters betraf, so unterschied sich sein Verhalten letztlich nicht wesent¬ 
lich von dem der bäuerlichen bzw. dörflichen Bevölkerung; hier liegt sicherlich ein 
Grund, warum die Arbeiterschaft im Saarland im großen und ganzen in herkömmli¬ 
chen Werten dachte, vor allem resistent war gegenüber neuen politischen und sozialen 
Ideen. In den noch lange den bäuerlich-dörflichen Charakter bewahrenden Industrie¬ 
dörfern des Saarreviers konnte sich keine spezifisch industrie-proletarische Lebenskul¬ 
tur entfalten. Die bodenständige, mehr oder weniger sozialkonservative Lebenseinstel¬ 
lung der saarländischen Bergleute erfuhr eine Stärkung durch die Sozialpolitik der 
preußischen Bergwerksverwaltung. 
3. Obwohl die preußische Bergwerksverwaltung als staatliche Institution von kapita¬ 
listischen Ausbeutungsinteressen geleitet war, betrieb sie doch eine beachtliche 
Wohlfahrtspolitik, die bei aller Sicherung ihrer Herrschaftsinteressen zugleich auch 
den materiellen und sozialen Bedürfnissen der Bergleute entgegenkam. Ohne Zweifel 
bedeutete Sozialpolitik der Wirtschaftsunternehmen im 19. Jahrhundert niemals Stär¬ 
kung sozialpolitischer Arbeiterinteressen, geschweige Förderung einer Emanzipation 
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