Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

Erfahrungswelt der saarländischen Bergarbeiter von fundamentaler Bedeutung waren. 
Insofern sind unserer Fragestellung klare Grenzen gesetzt. 
II. 
Will man den spezifischen Charakter der saarländischen Arbeiterbewegung, sowohl 
die Mentalität und die Kultur der Arbeiter näher beschreiben und analysieren, so muß 
man fünf Bedingungen und Entwicklungen bedenken, die das Leben und Denken der 
Arbeiter maßgeblich bestimmten. Sie stehen mehr oder weniger konträr zur gängigen 
Vorstellung eines Industrieproletariats. 
1. Das Leben des Bergmanns, seine Kultur und Lebensweise waren zunächst und vor 
allem geprägt durch seine Arbeit unter Tage, die den größten Teil seines Tages 
beanspruchte, die Arbeitszeit im Dunkeln umfaßte bis zu 10-12 Stunden. Vielerlei 
kennzeichnete diese Arbeit: einmal gab es im 19. Jahrhundert kaum eine Tätigkeit, 
die als so gefährlich eingeschätzt wurde, wie der Bergbau. Trotz aller technischen 
Vorkehrungen konnte die ständig drohende Gefahr nicht gebannt werden. Grubenun¬ 
glücke gehörten zur alltäglichen Lebenserfahrung, worauf die Arbeiter zumeist 
weniger mit Ängstlichkeit - das verbot das Standesethos - als mit einer gewissen 
Apathie reagierten. Dann handelte es sich bei der Bergarbeit um ein schweres 
Handwerk, zu dem nur wenig Werkzeuge nötig waren. Technische Erleichterungen 
kamen erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf, bis dahin unterschied sich der 
moderne Bergbau in der Zeit der Hochindustrialisierung nicht wesentlich von dem der 
frühen Neuzeit. Für seine Erfahrungswelt entscheidend war, daß der Bergmann nicht 
als einzelner seine Arbeit zugewiesen bekam und auch nicht in einer anonymen 
Gruppe arbeitete, sondern in 8-10 Personen umfassenden Kameradschaften, die 
zusammengesetzt waren aus Familienmitgliedern, aus miteinander Verwandten und 
benachbarten Bergleuten. Nicht selten wurden die Kinder in den Beruf durch den 
Vater eingeführt. Das minderte ein Konkurrenzverhalten, obwohl nach Akkord 
gearbeitet wurde, stärkte im Gegenteil die Arbeitersolidarität, die für den politischen 
Sozialisationsprozeß der Arbeiter im Saarrevier entscheidend wurde. Die ,Schutz-, 
Lern-, Erfahrungs- und Leistungsgemeinschaft1 gewährte den Arbeitern eine gewisse 
Autonomie gegenüber den Ansprüchen der Bergwerksverwaltung, die erst aufgebro¬ 
chen wurde, als die Schießmeister ausgesondert wurden und der Strebbau eingeführt 
wurde. Schließlich arbeiteten die Bergleute nicht nach einem individuellen Stunden¬ 
lohn, sondern nach einer Art Gruppenakkord, dem Gedinge, das die Kameradschaft 
vor der Schicht ausgehandelt hatte, wofür es allerdings bestimmte Normen gab. Es 
forderte zwar den einzelnen zu einer bestimmten Arbeit auf, der Gewinn aber kam 
allen Mitgliedern der Gruppe zugute. Durch diese Form der Zusammenarbeit waren 
einmal der Verfleißigung durch den Druck der Bergwerksverwaltung enge Grenzen 
gesetzt, der Arbeiter wurde nicht durch Dienstvorschriften erzogen, sondern durch die 
Arbeit seiner Kollegen. Zum anderen erfuhr der einzelne Bergmann durch dieses 
System einen Schutz vor individueller Ausbeutung. Sosehr allerdings durch das 
Gedinge der autonome Handlungsspielraum vor Ort gestärkt wurde, minderte diese 
Gruppensolidarität, die auf persönlichen Kontakten gründete, doch andererseits die 
Aktionsmöglichkeiten der Bergleute über ihre Grube hinaus. 
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