Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

Während sich hier die traditionelle Position fortsetzte,organisierten sich trotz der 
anhaltenden konfessionellen Gegnerschaft nicht wenige evangelische Bergleute im 
Gewerkverein. Da sie jedoch keinen Moment daran dachten, deswegen auch das 
Zentrum als katholische Partei zu wählen, sondern nach wie vor für die Nationallibe¬ 
ralen votierten, gerieten sie bald schon in eine doppelte Zwickmühle: Einerseits war 
damit der Dauerkonflikt mit den überwiegend katholischen Gewerkvereinsmitgliedern 
vorprogrammiert, für die die Nationalliberalen als Partei des Kulturkampfs zentrale 
Gegner blieben, die es zu schlagen galt, um den Kandidaten des Zentrums den Sieg zu 
ermöglichen und von ihrer Gewerkschaft trotz deren proklamierter politischer Neu¬ 
tralität wie selbstverständlich erwarteten, daß sie sie darin unterstütze. Andererseits 
prallte das frisch erwachte proletarische Selbstbewußtsein der evangelischen Arbeiter 
auf den Machtanspruch der gleichfalls dominant nationalliberalen Schwerindustriel¬ 
len: Bei der Reichstagswahl am 25. Januar 1907 hatten sie deren Kandidaten erneut 
gegen das Zentrum zum Gewinn der Mandate verholfen, nachdem ihnen die 
Respektierung des Koalitionsrechts zugesagt worden war. Doch das Wahlkampfver¬ 
sprechen blieb bloße Absichtserklärung zur Mehrheitsbeschaffung. Als die evangeli¬ 
schen Knappschaftsältesten, Arbeiterausschußmitglieder und Zahlstellenleiter darauf¬ 
hin mit dem Antrag, die Gründer und Protektoren der Gelben im Saarrevier aus der 
Nationalliberalen Partei auszuschließen, auf deren Delegiertentag im Oktober 1907 
scheiterten, kam es zum Bruch und zur öffentlichen Distanzierung.45 
Mit dieser Vertrauenskrise, in der das Klasseninteresse erstmals traditionelle poli¬ 
tisch-konfessionelle Optionen zurücktreten ließ, geriet nicht nur die „saarabische“ 
Wahlarithmetik ins Wanken; auch für die SPD und den freigewerkschaftlichen 
Bergarbeiterverband - beides fast noch Sekten46 - eröffnete sich damit die Chance, 
das entstandene Vakuum zu füllen. Neunkirchen und Wiebelskirchen waren auf 
Grund ihrer konfessionellen Konstellation für diesen Durchbruch geradezu prädesti¬ 
niert. Seit 1906 warb der spätere Bezirksleiter Ludwig Hetterich - ein aus dem 
westpfälzischen Breitenbach stammender evangelischer Bergmann, der wegen des 
Besuchs einer SPD-Versammlung entlassen worden war - in beiden Orten eifrig für 
den „Alten Verband“. Noch im Oktober bildete sich in Neunkirchen ein freies 
Gewerkschaftskartell, am 23. Februar 1907 ein Sozialdemokratischer Verein für den 
Wahlkreis.47 Zum größten Teil (sind) es Evangelische, stellte Bartholomäus Koß- 
mann, frischgebackener Sekretär der katholischen Arbeitervereine, im Sommer 1908 
fest und fügte hinzu: Ein Hauptnest dieser Art (ist) Wiebelskirchen,48 
45 Vgl. Klaus Saul, Staat, Industrie, Arbeiterbewegung im Kaiserreich. Zur Innen- und 
Sozialpolitik des Wilhelminischen Deutschland 1903-1914, Düsseldorf 1974, S. 174 f. 
46 Vgl. Klaus-Michael Mallmann, „Dies Gebiet ist bis jetzt noch eine vollständige terra 
incognita“. Die verspätete SPD im Saarrevier, in: ders./Paul/Schock/Klimmt, S. 65-70; Karl 
Handfest, Zur frühen Geschichte der Gewerkschaften an der Saar, in: Saarheimat 18 (1974), 
S. 108-115. 
47 Polizei Neunkirchen an Bürgermeister v. 15. 10. 1906 und 25. 2. 1907, LHA Koblenz 
Best. 442/Nr. 3760, S. 385-394, 700-704. 
48 Gewerkschaftliche Nachrichten v. 22. 7. 1908, LHA Koblenz Best. 442/Nr. 3791, S. 175; zu 
den aus Wiebelskirchen stammenden Julius Schwarz und Jakob Frank, den Köpfen des 
Bergarbeiterverbandes in den 1920er Jahren, vgl. Klaus-Michael Mallmann, Julius Schwarz, 
in: Peter Neumann (Hrsg.), Saarländische Lebensbilder, Bd. 4, Saarbrücken 1989, 
S. 191-221; ders./Gerhard Paul, Das zersplitterte Nein. Saarländer gegen Hitler, Bonn 
1989, S. 68-73. 
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