Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

Die Gewerkschaften in der Eisen- und Stahlindustrie 
Im Bergbau des Deutschen Reiches war zwar der Organisationsgrad mit etwa 20 % 
nicht sehr hoch,41 aber die Streikbewegungen der Jahre 1889, 1905 und 1912 hatten 
eine hohe Kampfbereitschaft der Bergarbeiter in allen Steinkohlenrevieren bewiesen. 
Anders war es in der Eisen- und Stahlindustrie.42 Hier gelang es den Gewerkschaften 
aller Richtungen kaum Anhänger zu gewinnen. 1913 waren nur 1 % der Mitglieder 
des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes Hütten- oder Walzwerksarbeiter.43 Zu 
Massenstreiks kam es vor dem 1. Weltkrieg nie, und die Fälle, daß eine Hütte als 
ganzes bestreikt worden wäre, waren sehr selten. Einer dieser Fälle ereignete sich an 
der Saar. 
Im November 1903 schickte der sozialdemokratische Deutsche Metallarbeiterverband 
Hans Böckler,44 den DGB-Vorsitzenden von 1949 bis 1951, als Agitator an die Saar. 
Wegen der liberaleren bayerischen Vereinsgesetzgebung ließ er sich zuerst in St. Ing¬ 
bert nieder. Bis zum Juni 1907 arbeitete er an der Saar. 1908 wies der DMV hier 
407 Mitglieder auf, von denen sicher keine auf den Saarhütten arbeiteten.45 
Der Christliche Metallarbeiter-Verband, der ebenfalls 1903 eine erste Zahlstelle in 
St. Johann errichtete, schien da erfolgreicher zu sein.46 Im März 1904 wurde in 
Malstatt-Burbach eine Zahlstelle eingerichtet, und im Januar 1906 kam der Gewerk¬ 
schaftssekretär Wernerus aus Aachen an die Saar. Der CMV gewann Anhänger unter 
den Arbeitern der Burbacher Hütte. Als die Hütte gegen die Ausbreitung einer 
Gewerkschaft unter ihren Arbeitern mit Entlassungen vorging, kam es im Juni 1906 
zu einem Streik, der schließlich die gesamte Belegschaft erfaßte.47 
Der Streik schien zuerst ein Erfolg für den CMV gewesen zu sein, da die Hütte in 
einigen Punkten nachgab und die Streikenden nicht gemaßregelt wurden. Politiker 
hatten sich eingeschaltet. Der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Boltz hatte 
41 Mitgliederzahlen von Gewerkschaften im Deutschen Reich: 
1912 
77 967 
114 062 
21,3 
1913 
63 129 
101 986 
18,3 % 
Gewerkverein christlicher Bergarbeiter 
Alter Verband 
% der 1907 im Bergbau hauptberuflich Erwerbstätigen 21,3 % 
Mitgliederzahlen nach Schneider (s. Anm. 27) S. 66. 
42 Vgl. Elisabeth Domansky-Davidsohn, Der Großbetrieb als Organisationsproblem des 
Deutschen Metallarbeiter-Verbandes vor dem Ersten Weltkrieg, in: Arbeiterbewegung und 
industrieller Wandel (s. Anm. 3) S. 95-116; David F. Crew, Berufliche Lage und Protestver¬ 
halten Bochumer Bergleute und Metallarbeiter im ausgehenden 19. Jahrhundert, in: Glück 
auf, Kameraden! (s. Anm. 3), S. 71-88; Karl Alfred Gabel, Kämpfe und Werden der 
Hüttenarbeiter-Organisationen an der Saar. Saarbrücken (1921). 
43 Domansky-Davidsohn, (s. Anm. 42) S. 99. 
44 Ulrich Borsdorf, Hans Böckler. Arbeit und Leben eines Gewerkschafters von 1875 bis 1945. 
Mit einem Vorwort von Heinz Oskar Vetter. Köln 1982 (= Schriftenreihe der Hans-Böck- 
ler-Stiftung. 10), S. 79-105. 
45 S. Anm. 67. 
46 Bezirkskartell der christlichen Gewerkschaften an der Saar, Jahresbericht 1910. (Saarbrücken 
1911), S. 83-94; Gabel (s. Anm. 42) S. 135-150. 
47 Vgl. Gerhard Bungert und Klaus-Michael Mallmann, Burbach 1906: Der erste Hüttenstreik 
an der Saar, in: Arbeitnehmer 25/1977, S. 337-340. 
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