Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

Die Grenzen zwischen Preußen, Bayern und Elsaß-Lothringen waren 1871 in ihrer 
Bedeutung nicht auf die Ebene von reinen Verwaltungsgrenzen abgesunken. Vor 
allem die Grenze zu Elsaß-Lothringen behielt einen besonderen Charakter.12 Sie war 
von West nach Ost viel weniger durchlässig als umgekehrt. So rekrutierte der 
preußische Bergfiskus keine Arbeiter aus Lothringen - aber aus der bayerischen Pfalz 
-,13 während viele Arbeiter aus dem Warndt auf den lothringischen Privatgruben 
arbeiteten. Streikbewegungen auf diesen Gruben wurden von den Verwaltungsbehör¬ 
den der angrenzenden preußischen Kreise sehr aufmerksam und mißtrauisch beobach¬ 
tet.14 
Die preußisch-bayerische Grenze hatte auch eine politische Bedeutung. Die bayerische 
politische Kultur war liberaler, das dortige Vereins- und Versammlungsrecht war 
freiheitlicher, so daß Schnappach und St. Ingbert beliebte Versammlungsorte für die 
Arbeiterbewegung wurden.15 
Streikbewegung und Organisation 1889 bis 189316 
Als am 23. Mai 1889 die Bergleute an der Saar dem Vorbild ihrer Kollegen an der 
Ruhr folgten und ihre Forderungen nach Verbesserung der Arbeitsbedingungen mit 
einem Streik durchzusetzen versuchten, waren die Leiter der preußischen Bergwerke 
völlig überrascht, da nach ihrer Ansicht Beschwerden über zu niedrige Löhne, über 
die Gedingefeststellung oder über zu lange Schichtdauer in den vorhergehenden 
Jahren in nennenswertem Umfange niemals erhoben worden waren.17 
Daher sah man in einer Verhetzung der Arbeiter die Hauptursache der Streikbewe¬ 
gung. Wenn man jedoch bedenkt, daß seit den Zeiten des Kulturkampfes ein Teil der 
im Saarbezirk vertretenen Presse eine gegnerische Haltung der staatlichen Bergverwal¬ 
tung gegenüber eingenommen und deren Maßnahmen planmäßig einer abfälligen 
Kritik unterzogen hatte, und daß mit Aufhebung des Sozialistengesetzes (- was erst 
am 1. Oktober 1890 geschah - M. S.) der von Westfalen aus betriebenen Agitation 
freier Spielraum gelassen wurde, kann es nicht wundernehmen, daß die von außen 
herangetragene Bewegung auf einen fruchtbaren Boden fiel. Hierzu kam noch, daß die 
12 Vgl. François Roth, Espace sarrois et Lorraine, relations et convergences 1815-1925, in: 
Probleme von Grenzregionen: Das Beispiel SAAR-LOR-LUX-Raum. Beiträge zum For¬ 
schungsschwerpunkt der Philosophischen Fakultät der Universität des Saarlandes. Hg. v. 
Wolfgang Bücher und Peter Robert Franke. Saarbrücken (1987), S. 67-84. 
13 Die Belegschaft des Saarbrücker Bergwerksdirektionsbezirks nach dem Ergebnisse der statisti¬ 
schen Erhebungen vom 1. Dezember 1910. Neunkirchen 1911, S. 54. 
14 Vgl. LHA Koblenz Best. 442 Nr. 6215: Lohnbewegung unter den Bergarbeitern des Saarre¬ 
viers - Arbeiterbewegung überhaupt 1899. 
15 Mallmann spricht von dem „beliebten Versammlungsort Schnappach“, Mallmann, Bergar¬ 
beiterbewegung, (s. Anm. 16) S. 138. Vgl. auch die Tatsache, daß sich Hans Böckler zuerst in 
St. Ingbert niedergelassen hat, unten Anm, 44. 
16 Vgl. Klaus-Michael Mallmann, Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar 
(1848-1904). Saarbrücken 1981 (= Veröffentlichungen der Kommission für saarländische 
Landesgeschichte und Volksforschung. XII); Steffens, (s. Anm. 1). 
17 E(rich) Müller, Die Entwicklung der Arbeiterverhältnisse auf den staatlichen Steinkohlen¬ 
bergwerken vom Jahre 1816 bis zum Jahre 1903. Berlin 1904 ( = Der Steinkohlenbergbau des 
Preussischen Staates in der Umgebung von Saarbrücken. VI. Teil), S. 49. 
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