Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

Da es bisher keine zusammenfassende Darstellung der Gewerkschaftverhältnisse an 
der Saar vor dem 1. Weltkrieg gibt, soll der Versuch unternommen werden, einen 
Überblick zu geben über die hier zwischen 1890 und dem Ausbruch des 1. Weltkrie¬ 
ges 1914 tätigen Gewerkschaften und ihre organisatorischen Erfolge und Mißerfolge. 
Ausgangspunkt meiner Darstellung wird eine Schilderung der wirtschaftlichen und 
regionalen Struktur des Saargebietes sein mit einer Zuordnung der Arbeiter zu 
einzelnen Wirtschaftsbranchen; denn danach unterschied sich die gewerkschaftliche 
Entwicklung immer sehr stark. Nach einer nur kurzen zusammenfassenden Schilde¬ 
rung der Streikbewegung der Bergarbeiter von 1889 bis 1893, der Geschichte des 
Rechtsschutzvereins und seines Scheiterns, werde ich auf die einzelnen Gewerkschafts¬ 
einrichtungen und gewerkschaftsähnlichen Bewegungen eingehen. Die zeitliche Folge 
und die Bedeutung der einzelnen Branchen für das Montanrevier werden dabei der 
Gliederung dienen. Soweit es die Forschungslage erlaubt, werde ich einzelne Verglei¬ 
che mit den anderen Schwerindustriegebieten Deutschlands an der Ruhr und in 
Oberschlesien ziehen,3 um die Besonderheit oder die Normalität der Entwicklung an 
der Saar festzustellen. Ein systematischer Vergleich kann dabei noch nicht geleistet 
werden. Vor allem fehlen für die Frage, ob und welche Gewerkschaften unter welchen 
Bedingungen erfolgreich waren, noch regionale Untersuchungen, die verallgemeinern¬ 
de Aussagen erlaubten. 
Die wirtschaftliche und soziale Struktur des Saargebietes in der Zeit der 
Hochindustrialisierung 
Der Steinkohlenbergbau und die Eisen- und Stahlindustrie waren die wichtigsten 
Industriezweige in der ersten Phase der industriellen Revolution. Die Kohle war der 
Hauptenergieträger für die übrige industrielle Produktion und für den Verkehr, der 
Stahl war der wichtigste Werkstoff. Beide Industriezweige waren vor allem in 
3 Schwerindustriegebieten konzentriert: dem Ruhrgebiet, dem oberschlesischen Indu¬ 
strierevier und dem Saargebiet. Ihr Größenverhältnis ergibt sich aus der Zahl der im 
Steinkohlenbergbau beschäftigten Personen im Jahre 1913: an der Saar waren es 
73 243 Personen, in Oberschlesien 126 710 und an der Ruhr einschließlich des linken 
Niederrheins 410 385 Personen.4 
3 Vgl. zu Oberschlesien: Lawrence Schofer, The formation of a modern labor Force. Upper 
Silesia, 1865-1914. Berkeley 1975 (Deutsche Ausgabe: Dortmund 1983); zum Ruhrgebiet: 
Arbeiterbewegung an Rhein und Ruhr. Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung in 
Rheinland-Westfalen, Hg. v. Jürgen Reulecke. Wuppertal 1974; Glück auf, Kameraden! Die 
Bergarbeiter und ihre Organisationen in Deutschland. Hg. v. Hans Mommsen und Ulrich 
Borsdorf. Köln 1979; Arbeiterbewegung und industrieller Wandel. Studien zu gewerkschaft¬ 
lichen Organisationsproblemen im Reich und an der Ruhr. Hg. v. Hans Mommsen. 
Wuppertal 1980; Max Jürgen Koch, Die Bergarbeiterbewegung im Ruhrgebiet zur Zeit 
Wilhelms II (1889-1914). Düsseldorf 1954 (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus 
und der politischen Parteien. Heft 5), David F. Crew, Bochum. Sozialgeschichte einer 
Industriestadt 1860-1914. Frankfurt/M 1980 (= Sozialgeschichtliche Bibliothek. Hg. v. 
Dieter Groh); S. H. F. Hickey, Workers in imperial Germany. The miners of the Ruhr. 
Oxford 1985 (= Oxford Historical Monographs); Ulrich Feige, Bergarbeiterschaft zwischen 
Tradition und Emanzipation. Das Verhältnis von Bergleuten und Gewerkschaften zu Unter¬ 
nehmern und Staat im westlichen Ruhrgebiet um 1900. Düsseldorf 1986 (= Düsseldorfer 
Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens. Bd. 18). 
4 Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im Preußischen Staate 62, 1914, 
S. 118. 
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