Full text: Das Saarrevier zwischen Reichsgründung und Kriegsende

günstigeren politischen, wirtschaftlichen und psychologischen Hintergrund fortsetzen 
konnte. 
Die Börse als empfindlichster Gradmesser zukünftiger Weichenstellungen reagierte 
zuerst auf die sich abzeichnende Diskrepanz zwischen den hochgeschraubten Erwar¬ 
tungen der Anleger und der wirtschaftlichen Realität. Dem Börsenkrach folgte fast 
unumgänglich der Bankenkrach, beschleunigt noch durch ähnliche Tendenzen in 
Großbritannien und den USA. Vermögensverluste drückten auf die Nachfrage, die 
Investitionsbereitschaft sank. Als Ergebnis dieser Kettenreaktion mußten viele Betrie¬ 
be schließen. Dem Boom folgte ein rund sechsjähriger Niedergang, der längste und 
tiefste unter den neuzeitlichen Wechsellagen. Erst gegen Ende des Jahrzehnts faßte die 
Wirtschaft wieder Tritt.8 
Soweit zum gesamtwirtschaftlichen Kontext des Konjunkturzyklus, der im Norden 
des Reiches mit dem Zentrum Berlin tendenziell ausgeprägtere Formen annahm als im 
Süden. Damit ist schon angedeutet, die Konjunktur verlief in jenen Jahren beileibe 
nicht einförmig, und dies nicht nur regional, sondern auch sektorai, wie im folgenden 
am Beispiel des Saarreviers gezeigt werden soll. 
Es liegt nahe, die Ausführungen mit dem Steinkohlenbergbau zu beginnen, dem 
wichtigsten Arbeitgeber des Reviers. Der Bergbau wie die gesamte Industrie an der 
Saar hatten seit den 50er Jahren bekanntlich enorm von der Eisenbahn profitiert, dem 
Verkehrsmittel des 19. Jahrhunderts überhaupt, das bis dato unvorstellbare Maßstäbe 
hinsichtlich Geschwindigkeit und Transportkapazität gesetzt hatte; profitiert in 
zweierlei Hinsicht, sowohl als Transportmedium wie auch als wichtiger Bedarfsträ¬ 
ger. 
Von ähnlicher Bedeutung, was freilich oft verkannt wird, erwies sich der 1866 
eröffnete Saarkanal, erleichterte er doch den Weg nach Süden beträchtlich gegen die 
Konkurrenz von der Ruhr, aus Belgien und Nordfrankreich.9 
So erhöhte sich die Förderung der Gruben in den 60er Jahren um 76 % auf rund 
3,5 Mio. Tonnen p. a., die Belegschaft vermehrte sich um 73 % von 11 000 im Jahr 
1859 auf circa 19 000.10 
8 H. Bechtel, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 378 f.; H. Mottek, Gründerkrise, 
S. 64 ff.; F. W. Henning, Industrialisierung, S. 207 ff.; A. Sartorius von Waltershausen, 
Wirtschaftsgeschichte, S. 283 ff.; A. Spiethoff, Wechsellagen, Bd. 1, S. 121 f. 
9 F. W, Henning, Industrialisierung, S. 112 ff., 149 f.; K. Harrer, Eisenbahnen an der Saar, 
Düsseldorf 1984, S. 15 ff.; G. Linden, Der Steinkohlenbergbau an der Saar unter preußischer 
Verwaltung (1815-1920), Graz 1961, S. III ff.: 
1859 1869 
Eisenbahnabsatz 885 0001 53,4 % 1 900 0001 57,1 % 
Landabsatz 676 0001 40,8 % 805 0001 24,0 % 
Wasserabsatz 96 000 1 5,8 % 638 0001 19,0 % 
Die hohe Schiffsfrequenz auf dem Kanal läßt den Schluß zu, daß die Kapazität des Kanals 
weitgehend ausgeschöpft war und einer weiteren Ausdehnung des Wasserabsatzes entgegen¬ 
stand. O. Beck, Beschreibung des Regierungsbezirks Trier, Bd. 3, Trier 1871, S. 16. 
10 G. Linden, Steinkohlenbergbau, S. III f.; parallel dazu stiegen die Überschüsse auf 7,1 Mio. 
Mark. E. Klein, Der Steinkohlenbergbau an der Saar während der 70er Jahre des 19. Jahr¬ 
hunderts, in: Wirtschaftliche und soziale Strukturen im säkularen Wandel. Festschrift für 
W. Abel zum 70. Geburtstag, Hannover 1974, Bd. III, S. 753-774. 
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