Der größere Teil des Untersuchungsgebietes liegt also im /rwcÄ-Gebiet.80
Drechen und drecken gelten als Kompromissformen zwischen den Typen
dröge und trocken:XI Drechen, die westliche Form, hat vom nördlichen Typus
dröge den Anlaut, die Vokalqualität (mit Entrundung von /0/ zu /e/) und den
spirantischen Stammauslaut (der Plosivlaut g wird nach dem Schwund des
auslautenden Vokals dialektal zum Frikativ ch)\ vom südlichen Typus trocken
hat drechen nur die Endung. Drecken, die östliche Form, hat vom nördlichen
Typus dröge nur Anlaut und Vokalqualität und vom südlichen Typus trocken
den Stammauslaut und die Endung. Gemeinsam ist beiden also der Anlaut und
die Vokalqualität des nördlichen Typus dröge - nicht jedoch die Vokalquantität82
* - und die Endung des südlichen Typus trocken. Im Stammauslaut unterscheiden
sich drechen und drecken. Es haben also die in dem skizzierten
Raum aufeinandertreffenden Typen dröge und trocken beide ihre Spuren hinterlassen:
Resultat der Verschmelzung der zwei Formen sind die Kompromissformen
drechen und drecken.
Ein damit vergleichbarer Prozess führte auch zur Gestalt des bis in den
Saar-Mosel-Raum verbreiteten /^-haltigen Personalpronomens ahd. (frk.) her,
das wohl durch eine Kreuzung aus he*' und er entstanden ist, vgl. das Nebeneinander
von her und er im Ludwigslied (EWA 2, 1096f.). Dass der Untersuchungsraum
an einem solchen Phänomen Anteil hat, ist ein weiterer Hinweis
für die besondere Stellung des Saar-Mosel-Raums im Spannungsfeld zwischen
nördlichen und südlichen Einflüssen.84
(R. K.)
Sl) Wie die Kartierung der Belege (vgl. Abb. 11) zeigt, ist trocken/tnicken wohl über
den Pfalzkeil (vgl. Schorr 2000, 34 und 57f. sowie 79 Karte 21) in den Untersuchungsraum
eingedrungen.
81 Vgl. Aubin/Frings/Müller 1926/1966, 136.
82 Drechen/drecken haben Kurzvokal, dröge Langvokal (vgl. die historischen Belege
in Abschnitt B). Es kann sich um eine sekundäre Entwicklung, möglicherweise unter
dem Einfluss des südlichen Typus trocken, handeln.
8' Vgl. die Formen des Nom. Sg. m. des Personalpronomens der 3. Pers. mit anlautendem
h- im Altsächsischen (he, hie, hi), Mittelniederdeutschen (he, hl, hie). Altniederfränkischen
(hie, he, her) Mittelniederländischen (hi), Altfriesischen (hi, he,
her). Altenglischen (he) und Altisländischen (mit »-Suffix: hann) (EWA 2, 1094f.).
84 Vgl. auch Haubrichs/Pfister 2008, 253.
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