Full text : 'Nordwörter' und 'Südwörter' im Saar-Mosel-Raum

B. Die  Etymologie  des  Wortes  Biese(n)  f.  ,Binse,  iuncus,  scirpus'  gilt  nicht  als
endgültig  geklärt.  Der  Versuch,  Biese  mit  gleichbedeutendem  Binse  in  Verbindung
  zu  bringen,  etwa  über  ingwäonischen  /7-Ausfall  vor  s  und  Ersatzdehnung,
  ist  abzulehnen  (Weigand  1,  241;  Lerchner  1965,  29f.;  SCHOP-HAUS
  1967,  93ff.):  Binse  geht  zurück  auf  mhd.  binez,  binz  f.,  ahd.  binuz  m.;
dazu  gehört  asächs.  binit  (in  dem  Adj.  binitin),  aengl.  beonet,  nengl.  bent,  nl.
bentgras;  Bies  wird  dagegen  auf  germ.  *beusö-  f.  zurückgeführt,  was  lautgerecht
  nl.  bies  ergibt  (ebd.);  vgl.  mhd.  (md.)  biese  f.  ,Binse1  (LEXER  1,  269),
mnd.  bese  f.,  frühmnl.  biese  f.  (VrüegMnlWb  1,  557),  mnl.  biese,  bise,  scaf
bise  f.  ,papyrus,  Rohrglanzgras'  (MnlWb  1,  1249;  KLUGE  121),  nnl.  bies  f.
(WNT  II,  2,  2553ff.  und  2556),~s  fries.  büs,  bies,  biis  (EWN  1,  306).  Mhd.
biese  f.  .Binse,  iuncus'  heißt  im  Athis  4,  44  „Teuthonista  byese  juncus  und
holländisch  bies“,  was  die  mittelhochdeutsche  Form  als  zweifellos  niederdeutsch
  erscheinen  lässt."9
Im  Althochdeutschen  handelt  es  sich  um  ein  sporadisch  auftretendes  Glossenwort:
  bi  eso  ,scirpus‘  ist  in  einer  Handschrift  aus  Echternach  aus  dem  9.
Jahrhundert  belegt,  die  Glosse  stammt  allerdings  von  einer  späteren  Hand;
weitere  Glossenbelege  gehören  dem  13.  und  14.  Jahrhundert  an:  bies  ,iuncus,
carectum'  (rheinfrk.),  bis  in  ,papirus‘  (Darmstadt),  bisen  ,papyrus',  bize  ,papirius,
  papirus'  (AhdGl  1,  376;  AeidWb  1,  1082).  Das  Genus  der  hier  angeführten
  Glossenwörter  kann  nicht  mit  Sicherheit  bestimmt  werden:  Nach  der
Überlieferungslage  lassen  sich  die  althochdeutschen  Glossen  in  keinem  Fall
ohne  Vorbehalt  dem  Oberdeutschen  zuschreiben.  Es  wird  mitunter  ahd.  *bioso
m.  (auch  *biosa  f.)  ,Binse,  iuncus,  scirpus'  vorausgesetzt  (EWA  2,  84f.;
AhdWb  1,  1082).  Biese  ist  als  biosa  sw.  f.  (?)  .Binse'  im  Altsächsischen  in
verschiedenen  Glossen  belegt  (GALLEE  1903,  26),  was  für  das  Alter  des  Wortes
  im  niederdeutschen  Raum  spricht.
Da  das  gleichbedeutende  Wort  Binse  etymologisch  wahrscheinlich  eine  Zusammensetzung
  aus  dem  Präfix  bi-  und  der  Verbalwurzel  urgerm.  *net-,  idg.
*ned-  .zusammendrehen,  knüpfen'  darstellt,  ging  man  in  der  früheren  Forschung
  auch  für  Biese  von  einer  zusammengesetzten  Form  aus.  DlTTMAlER
1958/59,  290ff.  setzt  Biese  f.  .Binse'  aus  dem  Präfix  bi-  und  einer  idg.  Basis
*wei-  .drehen,  biegen,  flechten,  knüpfen'  (IEW  1120ff.  und  1133;  LIV  695)
zusammen.  Es  wird  allerdings  betont,  dass  die  idg.  Wurzel  *wei-  im  Germanischen
  verbal  nicht  belegt  sei  (MARZELL  2,  1059;  SCHOPHAUS  1967,
93ff).  Andererseits  ist  jedoch  in  germanischen  Verben  die  Wurzel  *ued>1-  mit
der  Bedeutung  ,knüpfen,  binden'  vorhanden:  Ahd.  *bioso  m.  (auch  *biosa  f.)
.Binse,  iuncus,  scirpus'  würde  man  dann  als  *bhi-  uct'-tö(n)  erklären,  mit  ei-2X

  N1.  bies  f.  erhält  als  Pflanzenname  sowohl  die  Bedeutung  .iuncus,  scirpus'  als  auch
die  von  .Riedgräser'.  Ähnliche  Verhältnisse  zeigt  nl.  binse.
29  Vgl.  Wilhelm  Grimm:  Wiesbuder  Glossen,  in:  Zeitschrift  für  deutsches  Altertum  6
(1848),  321-340,  hier  332.

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