Full text : 'Nordwörter' und 'Südwörter' im Saar-Mosel-Raum

tritt  die  Entrundung  der  im  Mittelhochdeutschen  gerundeten  Vokale  bei  Hübel
(Nr.  18)  auf:  Die  Mundartform  dieses  Namenwortes  lautet  mit  der  für  die  Region
  typischen  Entrundung  regelmäßig  f'hivj].
Der  umgekehrte  Prozess,  die  Labialisierung  der  mittelhochdeutschen
ungerundeten  Vokale  und  Diphthonge  /i/,  /1/,  /e/,  /e/  in  bestimmten  lautlichen
Umgebungen,  tritt  vorwiegend  im  Oberdeutschen  auf,  jedoch  nicht  konsequent.
  Rundungserscheinungen,  die  im  Entrundungsgebiet  (siehe  oben)  auftreten,
  werden  gemeinhin  als  hyperkorrekte  Schreibungen  interpretiert.  Um  historische
  Rundungsprozesse  scheint  es  sich  im  Schwäbischen  und  im  Niederalemannischen
  zu  handeln:  Die  starke  Verbreitung  der  Graphien  mit  Rundungsvokalen
  lassen  darauf  schließen,  dass  eine  eigenständige  Lautentwicklung
  vorliegt  (FrnhdGr  §  L  36).  Ebenso  wie  die  Entrundung  hat  auch  die
Rundung  in  der  Standardsprache  nur  einen  geringen  Niederschlag  gefunden;
als  Beispiele  seien  nhd.  Hölle  <  mhd.  helle,  nhd.  Löffel  <  mhd.  leffel,  nhd.
schwören  <  mhd.  swern,  nhd.  zwölf  <  mhd.  zwelf  nhd.  Würde  <  mhd.  wirde,
nhd.  (betrügen  <  mhd.  triegen  genannt.  Die  Mundarten  des  Untersuchungsraumes
  haben  in  diesen  Fällen  den  Lautstand  vor  der  Labialisierung  bewahrt.
Nur  wenige  der  untersuchten  Namenwörter  zeigen  Rundungsvokale.  Da  der
Saar-Mosel-Raum  zum  Entrundungsgebiet  gehört,  sind  die  Belege  hier  als  hyperkorrekte
  Schreibungen  zu  interpretieren:  doll  zu  Delle  (Nr.  7),  brünk  zu
Brink  (Nr.  6).  Konsequenterweise  kommen  sie  daher  nicht  im  mundartlichen
Material  vor.
6.1.6.  Rhotazismus  {Ruth  Kunz)
Der  Lautwandel  von  innervokalischem  /d/  zu  /r/,  der  ebenso  wie  der  nord-  und
westgermanische  Wandel  des  nach  Vemers  Gesetz  entstandenen  stimmhaften
Frikativs  /z/  zu  /r/  als  Rhotazismus  bezeichnet  wird,4s<’  ist  in  rheinfränkischen
Toponymen  des  13.  bis  15.  Jahrhunderts  belegt:  Als  früher  Beleg  gilt  der  hessische
  Siedlungsname  Wolvolde-rore  von  1269.  Das  Grundwort  -rore  dieses
zusammengesetzten  Siedlungsnamens  ist  auf  -rode  zurückzuführen.4S  Zu
mhd.  snide  ,Schneide  des  Schwertes,  Messers  etc.‘  (LEXER  2,  1035),  übertragene
  Bedeutung  ,scharfe  Kante  an  Felsen  und  Gebirgen4,  gehört  nach
Steffens  1988,  160  der  Mainzer  Flurname  an  dem  Sneyrenberge  (a.  1401).
Zur  Bestimmung  des  Alters  des  ¿/-Rhotazismus  im  Saar-Mosel-Raum  können
  die  Datenbankmaterialien  des  ASFSL  und  gedruckte  historische  Quellen
für  den  Raum  herangezogen  werden.  Historische  Siedlungsnamenbelege  der
Gemeinde  Wadgassen  (Lkr.  Saarlouis)  weisen  das  Vorhandensein  des  c/-Rho-4X6

  Zürn  Terminus  und  zur  älteren  Literatur  zum  ¿/-Rhotazismus  vgl.  Venema  1997,  86
Anm.  597.
487  Venema  1997,  86  Anm.  596;  Weinhold  1883,  210  (ohne  Verwendung  des  Terminus
  Rhotazismus).

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