(MhdGr § L 49). Vielleicht sind die [po:l]-Belege aber auch so zu deuten,
dass hier der mittelfränkisch-frühalthochdeutsche Zustand von germ. /0/ bewahrt
ist, das in diesem Raum also womöglich nicht diphthongiert worden ist;
vgl. hierzu die historischen deutschsprachigen Belege der lothringischen Stadt
Bouzonville / Busendorf (F, Moselle): Bösen-dorf (1176 or. Bosendorph) neben
Buosen- (1390 or. Buosendorff). Es ist bisher aber noch nicht eindeutig
geklärt, ob die mittelfränkischen Belege mit (o)-Graphie einen grundsprachlichen
Erhalt des alten Langvokals bezeugen (so Pitz 1997, 884). Einige Glossenbelege
führen zumindest für die westmoselfränkischen Teile des Untersuchungsgebiets
zu der Annahme, dass
[,..] ursprünglich im gesamten Mittelfränkischen eine Entwicklung des germ. ö
in Richtung auf ü oder uo eingetreten war, die in den frühmittelalterlichen Zeugnissen
ihren schriftlichen Niederschlag gefunden hat, dann aber in jüngerer Zeit
teilweise wieder rückgängig gemacht wurde, teilweise aber auch zu einem bis
heute in der Mundart fortdauernden Nebeneinander von ö und ü führte.4X4
6.1.5. Entrundung und Rundung (Ruth Kunz)
Der Prozess der Entlabialisierung der mittelhochdeutschen gerundeten Vokale
und Diphthonge /0/, /0/, /ü/, /ü/, /oi/, /üe/ setzt in der Mitte des 12. Jahrhunderts
im Bairischen ein; im 16. Jahrhundert ist der gesamte hochdeutsche
Sprachraum mit Ausnahme des Hochalemannischen, des Ostfränkischen, des
Ripuarischen und weiterer kleinerer Gebiete betroffen.485 Nur wenige Lexeme
sind mit entrundetem Vokal in die neuhochdeutsche Standardsprache eingegangen:
nhd. Pilz < mhd. biilez, nhd. Kissen < mhd. küssen, nhd. Nerz < mhd.
nörz, nhd. streifen < mhd. ströufen etc.
Da der Saar-Mosel-Raum zum Entrundungsgebiet gehört, sind in den Flurnamenbelegen
der in dieser Untersuchung behandelten Namenwörter Reflexe
dieser Erscheinung zu erwarten. Eine Entrundung des Umlautes /ü/ bzw. /ü/
zeigt Pfuhl dort, wo es im Plural (Pfühle) oder als Diminutiv (Pfühl-chen)
vorkommt (vgl. Namenartikel Nr. 27): Der gelegentlich belegte Plural lautet
['pi:ta], die Verkleinerungsform ['pidjoj. Entrundung zeigt ferner Muni (Nr.
43) in den rezenten Belegen Minismatt und Minislech, die eine umgelautete
Variante von Muni indizieren, welche in den Flurnamen zwar nicht graphisch
dargestellt wird, in den Mundartwörterbüchern der Region aber nachgewiesen
ist (DtLothrWb 372f.; ElsWb 1, 691).
In den Belegen geraidt, geragten zeigt sich die Entrundung der diphthongierten
Variante Gereute des Namenwortes Gereute, Geriite, Geriedt (Nr. 38),
während geriedt mit Entrundung auf Geriite zurückgeht. Besonders deutlich
4X4 Rolf Bergmann: Mittelfränkische Glossen. Studien zu ihrer Ermittlung und sprachgeographischen
Einordnung (Rheinisches Archiv; 61), Bonn 1966, 122f.
4X' Vgl. Wiesinger 1983b, 1102-1104.
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