Full text : 'Nordwörter' und 'Südwörter' im Saar-Mosel-Raum

6.1.4. Hebung  und  Senkung  (Ruth  Kunz)
6.1.4.1.  Kurzvokale
Der  Saar-Mosel-Raum  hat  Anteil  an  der  im  14./15,  Jahrhundert  im  gesamten
Mitteldeutschen  belegten  Senkung  von  mhd.  /{/,  /u/,  /ü/  zu  /e/,  /o/,  /5/,  die  im
16.  Jahrhundert  unter  oberdeutschem  Einfluss  aus  der  Schriftlichkeit  weitgehend
  verdrängt  wurde.  In  die  Standardsprache  sind  nur  wenige  Lexeme  mit
gesenktem  Vokal  eingegangen,  z.  B.  nhd.  Sonne  <  mhd.  sunne,  nhd.  König
<  mhd.  kiinec,  nhd.  Sommer  <  mhd.  sumer,  nhd.  gönnen  <  mhd.  gönnen.  Die
Senkung  von  /u/  zu  /o/  zeigt  sich  beispielsweise  beim  Namenwort  Klutt  ,Erdklumpen4
  (Namenartikel  Nr.  21),  das  historisch  als  klutt,  rezent  aber  als
klott/glott  belegt  ist.
Die  Senkung  des  Kurzvokals  /o/  zu  /a/  findet  sich  in  wenigen  Flurnamenbelegen
  des  im  Untersuchungsraum  stark  vertretenen  Rodungswortes  Rod  (Nr.
28).  Diese  lauten  rad  und  rät  hohen',  der  letztgenannte  Beleg  ist  ein  umgelautetes
  Diminutiv.  Stärker  vertreten  ist  die  auf  die  Senkung  von  /o/  zu  /a/  zurückzuführende
  Nebenform  Rath  des  Rodungsnamengrundwortes  Rod  in  niederdeutschen
  Toponymen  (SCHEUERMANN  1995,  142),  im  Rheinland  (Dittmaier
248)  und  in  Hessen  (vgl.  z.  B.  JUNG  1985,  155f.  und  SHessFln  771-773).
6.1.4.2.  Langvokale
Die  nahezu  gesamtdeutsch  verbreitete  Hebung  des  Langvokals  /ä/  zu  /5/
schlägt  sich  in  Flurnamenbelegen  der  Namenwörter  Allmende',  ['odmet]  (Namenartikel
  Nr.  37)  und  *(h)lär:  [lom]  (Nr.  15)  nieder.4*1  Mundartparallelen  zu
diesem  Lautprozess  liegen  vor  in  Wörtern,  die  standardsprachlich  langes  a  haben
  und  die  in  den  Mundarten  des  Untersuchungsraums  mit  langem  o  gesprochen
  werden:  Strass  wird  zu  Ströss  (DtLothrWb  508;  ElsWb  2,  635;
RHEIN  WB  8,  79  lf),  Bahn  zu  Böhn  (so  im  westlichen  Moselfränkischen,  vgl.
RheinWb  1,  397-399,  sowie  in  der  Nordpfalz  und  der  nördlichen  Vorderpfalz,
vgl.  PfälzWb  1,  530f.),  bläse(n)  zu  hlöse(n)  (DtLothrWb  48;  ElsWb  2,
165f.;  PfälzWb  1,969-971;  RheinWb  1,  747-749;  Schön  30).
Eine  Senkung  des  im  Zuge  der  mitteldeutschen  Monophthongierung  aus
mhd.  /uo/  entstandenen  Langvokals  /ü/  zu  /0/  zeigt  unter  den  hier  untersuchten
,Nordwörtern4  das  Namenwort  Pfuhl  (Nr.  27).  Dieses  geht  auf  mhd.  phuol  zurück
  und  erscheint  standardsprachlich  wie  auch  in  den  Dialekten  des  Saar-Mosel-Raumes
  monophthongiert  (siehe  oben,  Kapitel  6.1.3.).  In  zahlreichen
Mundartbelegen  ist  eine  Senkung  von  /ü/  durchgeführt,  woraus  die  mundartliche
  Variante  [po:l]  resultiert.  Die  Senkung  des  auf  mhd.  /uo/  zurückzuführenden
  /ü/  zu  /0/  erfolgt  im  13.  Jahrhundert  im  Mittelfränkischen  und  Hessischen

483 Zur  Genese  von  Hebung  und  Senkung  und  zu  deren  Vertretung  in  den  rezenten
Mundarten  vgl.  Wiesinger  1983c.

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