Full text : 'Nordwörter' und 'Südwörter' im Saar-Mosel-Raum

Weinstraße)  der  Vogelname  Adebar  enthalten  (Christmann  1934,  I90f.;
Ders.  1938,20;  PfälzWb  1,  135).
Den  meisten  oberdeutschen  Mundarten  ist  das  Appellativ  Adebar  fremd.
BadWb  1,  24  weist  ausdrücklich  auf  das  Fehlen  von  Adebar  hin,  dafür  gelte
hier  Storch.  Mitte  des  14.  Jahrhunderts  heißt  es  bei  Konrad  von  Megenberg:20
Cyconia  haizzt  ain  ftorch  vnd  haizt  in  anderr  ddutfch  ain  otbar.  In  der  bairischen
  Mundart  des  Verfassers  war  Adebar  demnach  nicht  heimisch
(FrnhdWb  1,  616;  BayWb  1,  39).
Ein  vereinzeltes  oberdeutsches  Vorkommen  findet  sich  im  schwäbischen
Mundartraum:  Auf  den  Fildern  südlich  von  Stuttgart  und  im  Remstal  östlich
von  Stuttgart  heißt  der  Storch  Aiber.  Nach  SchwäbWb  1,121  und  KEINATH
1951,  83  soll  das  Wort  nach  Ausweis  von  Namen  aus  dem  Lkr.  Ludwigsburg
wie  Aiperthal  und  Aiperthurm  früher  weiter  verbreitet  gewesen  sein.
D. Der  älteste  Beleg  aus  dem  Untersuchungsgebiet,  1357  gen  dem  odebore
neste  (Lisdorf),  hat  noch  eine  mit  den  althochdeutschen  Belegen  zu  vergleichende
  Lautgestalt.  Die  jüngeren  Flurnamenbelege,  beginnend  mit  1503  bym
odewerss  nest  (Beeden),21  zeigen  die  Tendenz  zur  Umgestaltung  des  allmählich
  aus  dem  appellativischen  Wortschatz  schwindenden  Wortes,  bei  der
mundartliche  Eigenheiten  der  Region  sicher  eine  Rolle  spielen  und  die  darin
gipfelt,  dass  ein  Flurname  nun  (scheinbar)  ein  vollkommen  anderes  Wort,  das
Adjektiv  ewig,  enthält  (1565  beim  ewigersnest,  Bierbach  und  Einöd).  Am  Ende
  des  volksetymologischen  Prozesses  steht  hier  etwas  ganz  Neues  -  vgl.  den
rezenten  Namen  Im  Ewignest,  Einöd  statt  des  aus  etymologischen  und  semantischen
  Gründen  zu  erwartenden  gichtigen* 1  Flurnamens  *Im  Adebarsnest  -,
aus  dem  sich  ohne  die  Analyse  älterer  Belege  und  zusätzlicher  Informationen
nicht  mehr  auf  den  tätsächlichen  Ausgangspunkt  Adebar  schließen  lässt.  Dies
gilt  auch  für  den  rezenten  Flurnamen  Otternest  in  Folschviller:  Da  der  Mundartbeleg
  Langvokal  zeigt  [o:dnJ  nejt]  und  ferner  das  Grundwort  nicht  recht  mit
der  Tierbezeichnung  Otter  zusammenpasst,  ist  von  einer  volksetymologischen
Umformung  von  Adebar  zu  Otter  auszugehen.  Beim  Flurnamen  odenbourger
nist  (Metzeresche)  liegt  im  zweiten  Teil  eine  Umdeutung  zum  Appellativ
Burg  vor.  Im  Untersuchungsgebiet  zeigt  sich  also  bereits  an  relativ  wenigen
Flurnamenbelegen,  was  auch  sonst  im  deutschsprachigen  Raum  der  Fall  ist:
Das  Wort  Adebar  tendiert  dazu,  auf  vielfältige  Weise  umgestaltet  und
reinterpretiert  zu  werden.  Dies  dürfte  zum  einen  an  der  unklaren  Etymologie
liegen  und  zum  anderen  an  der  besonderen  Wortstruktur:  Adebar,  ahd.
ötibero,  sieht  wie  ein  Kompositum  aus  und  verleitet  deshalb  vielleicht  in  besonderem
  Maße  zur  Reinterpretation  wenigstens  eines  Teils  des  zusammengesetzten
  Wortes.

11  Konrad  von  Megenberg.  Das  ,Buch  der  Natur1.  Bd.  2:  Kritischer  Text  nach  den
Handschriften,  hg.  von  Robert  Luff  und  Georg  Steer,  Tübingen  2003,  202.
1  Inlautendes  b  wird  in  der  Mundart  zu  w,  vgl.  mda.  awwer  ,aber‘.

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