Volltext: 'Nordwörter' und 'Südwörter' im Saar-Mosel-Raum

6. Lautliche, morphologische und semantische 
Auswertung 
6.1. Lautliche Analyse der ,Nordwörter4 und ,Südwörter4 
In diesem Kapitel werden in chronologischer Abfolge ausgewählte Aspekte 
der Lautgeschichte des Deutschen behandelt, die für die Mundarten des Saar- 
Mosel-Raumes relevant sind und die in den Materialien der vorliegenden Un¬ 
tersuchung Niederschlag gefunden haben.4*'4 
6.1.1. Verhalten zur Zweiten Lautverschiebung (Ruth Kunz) 
ln den zum westmitteldeutschen Dialektraum gehörenden rhein- und mittel¬ 
fränkischen Mundarten des Untersuchungsraumes ist die althochdeutsche 
Tenuesverschiebung unvollständig durchgeführt. Dies betrifft insbesondere 
die Verschiebung von p znpf 'xm Anlaut (pund — pfund) und in der Gemination 
(appel ~ apfel). Unter den untersuchten ,Nordwörtern‘ und ,Südwörtern ‘ zeigt 
sich das nicht verschobene p durchgängig in den Mundartbelegen des Na¬ 
menwortes Pfuhl - die häufigste Variante lautet [pu:l] - und auch teilweise in 
dessen historischen Flurnamenbelegen (vgl. Namenartikel Nr. 27); die amtli¬ 
chen Flurnamen folgen dagegen der standardsprachlichen Form des Wortes, in 
der die Verschiebung zur Affrikata erfolgt ist. Für die wenigen Mundartbele¬ 
ge, die verschobenes p zeigen, kann eine Beeinflussung der Gewährsperson 
durch die amtliche (standardsprachliche) Form angenommen werden. Einige 
dieser Belege mit Verschiebung finden sich im sogenannten Krummen Eisass, 
das sprachhistorisch zu Lothringen und damit zum Rheinfränkischen gehört, 
aber viele Einflüsse aus dem Eisass aufweist: Hier ist mit einer Übernahme 
der alemannisch-elsässischen Form mit /^-Verschiebung im Anlaut zu rechnen. 
Die Mundartwörterbücher der Region (DtLothrWb 71; LuxWb 3, 394f.; 
PfälzWb 1, 872-875 und Karte 46; SCHÖN 159) belegen die unverschobene 
Variante des Wortes. 
Die Verschiebung von t ist im Untersuchungsgebiet in allen Positionen 
- mit Ausnahme der neutralen Pronomen dat, wat, it, allet, die im moselfrän¬ 
kischen Teil des Gebietes nicht von der Verschiebung betroffen sind - durch¬ 
geführt. Daher stellt das Namenwort Kluft, Klott (Nr. 21), die unverschobene 
Variante zu hochdeutsch Kloß bzw. Klotz, die in Toponymen des Saar-Mosel- 
Raumes noch relikthaft vorhanden ist, eine Besonderheit dar. 
Die zeitlich später anzusetzende Verschiebung der voralthochdeutschen 
stimmhaften Explosivlaute b, d und g, die aus den germanischen stimmhaften 
Frikativlauten b, d und g entstanden sind, zu den stimmlosen Explosivlauten 
464 Für weitergehende Informationen zur Sprachgeschichte des Raumes zwischen Mo¬ 
sel und Saar vgl. Will 1932 und Pitz 1997, Kapitel 6. 
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