Kotten in abwertendem Sinne, die oben für das mittlere und südliche Rheinland
beschrieben wurde, dürfte hier eine Rolle gespielt haben.
Das Vorkommen von Kotten im appellativischen Wortschatz wie auch in
Flurnamen des Schwäbischen und Schweizerdeutschen kann als nachträgliche
Übernahme aus dem Niederdeutschen gedeutet werden (SchwäbWb 4, 657f.;
SchweizId 3, 569). Dies gilt auch für das im bayerisch-österreichischen Raum
belegte Kotter m. ,armseliges, enges, schlechtes Haus; Behälter für Wahnsinnige;
Käfig, Gefängnis* (DRW 7, 1366f.; Schatz 1, 351; BayWb 1, 1312), falls
es von Kotten abgeleitet und nicht ein vollkommen anderes Wort ist." '
D. Für die meisten Gemarkungen des Untersuchungsgebietes, die Kotten-Flurnamen
haben, wurde die ehemalige Existenz von Leprosorien beschrieben:
Biesingen, Blieskastel, Einöd, Güdingen, Lautzkirchen, Limbach, St. Johann,
St. Wendel, Webenheim, Wellesweiler (Christmann 1965, 34; Staerk
1972, 546-549; Ders. 1976, 265). Der St. Johanner Kotten bestand etwa vom
15. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Das Gebäude muss aber noch darüber
hinaus existiert haben, wie aus den Belegen von 1742 und 1759 hervorgeht
(Bauer 1957, 227f.).
ln den Gemarkungen, in denen sich der Flurname Kotten nicht auf ein ehemaliges
Leprosorium bezieht, wird die ältere Bedeutung des Wortes - also
,Hütte, kleines Bauernhaus* - zugrunde liegen.
Häufig begegnet in Flurnamen des Untersuchungsgebiets die auch im Hessischen
vorkommende mitteldeutsche Form koden, die die Aussprache des
Dentals vor dem folgenden Nasal widerspiegelt. Auch ¿/-Rhotazismus tritt im
Belegmaterial auf (Biesingen, Einöd, Lebach [?],23K Limbach, Webenheim).
Beispielsweise hieß in Einöd der Kotten in Mundart Korre, entstanden aus
Koden und anschließendem ¿/-Rhotazismus (vgl. die pfälzische Mundartform,
die ebenfalls Rhotazismus zeigt): Als der Kotten nicht mehr bestand und das
Wort nicht mehr verstanden wurde - mit der Sache verschwand auch deren Bezeichnung-,
wurde Korre fälschlich zu Korn umgedeutet.239 Daher existiert seit
dem 18. Jahrhundert neben Kotenklamm auch der Flurname Kornklamm.
Jahr 1624: Ist Maria, Nicolaus Wallers s. Wittib ä Medicis et chirurgis pro leprosä
iudicata in ko 11 e n ... auß der Gesunden Gemein, vnd ihrem Hauß, ins Sieghaus
eingefuhrt vnd gewiesen worden.
2v Johann Knobloch: Ergologische Etymologien zum Wortschatz des indogermanischen
Hausbaus, in: Sprachwissenschaft 5 (1980), 172-200, hier 187: „Das ndd.
kot(e) ,Hütte, Stall, Schuppen* wandert ins Hochdeutsche (Kote, Kate) und weiter
bis nach Bayern, Kotter .Behälter für Wahnsinnige, Käfig, Gefängnis*.“
238 Wenn der Lebacher Flurname von 1563 (an den korren horn) zu Kotten gehört (und
nicht etwa zu Korn o. ä.), wäre dies ein sehr früher Beleg für den ¿/-Rhotazismus im
Saar-Mosel-Raum. - Siehe auch Kapitel 6.1.6.
2j9 Die Ortsansässigen bringen den Namen nur noch mit Korn .Roggen* in Verbindung
(LiPPS 1962,28).
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