Full text : 'Nordwörter' und 'Südwörter' im Saar-Mosel-Raum

ten  hatten  die  Franken  am  Mittelrhein  und  Niederrhein  Kontakte  mit  anderen
germanischen  Gruppen;  am  bedeutsamsten  und  dauerhaftesten  dürfte  jedoch
der  Kontakt  mit  den  Alemannen  gewesen  sein.  In  der  Wanderzeit  befanden
sich  unterschiedliche  germanische  Gruppen  unter  fränkischer  Herrschaft
(NEUß  1998).  Aufgrund  dieser  anerkannten  Umstände  ist  die  Existenz  einer
einheitlichen  Sprache
[...]  sehr  fraglich,  ja  unwahrscheinlich,  wie  denn  auch  im  Laufe  der  Sprachentwicklung
  des  frühen  Mittelalters  die  nördlichen  Regionen  des  fränkisch  besiedelten
  Gebietes  in  Lautung  und  Wortschatz  sich  stärker  an  den  Sprachen  nordseegermanischer
  Stämme,  [,..]  die  südlichen  Bezirke  aber  eher  an  dem  auf  der
Grundlage  elbgermanischer  Stammessprachen  gewachsenen  Althochdeutschen
orientierten  (Haubrichs  1996.  559).
Diese  sprachlichen  Differenzierungen  konkretisieren  sich  innerhalb  der
Dialekte  der  Frankengruppe  vor  allem  -  aber  nicht  nur  -  in  der  Erscheinung
des  sogenannten  ,Rheinischen  Fächers1,  der  die  gestaffelte  Rezeption  der
Zweiten  Lautverschiebung  in  den  heutigen  westmitteldeutschen  Mundarten
abbildet.4  Dieser  Lautwandel,  für  den  die  ersten  sicheren  Belege,  die  auf  den
alemannischen  Sprachraum  verweisen,  etwa  bis  in  die  erste  Hälfte  des  6.  Jahrhunderts
  zurückreichen,  wanderte  -  so  die  Mehrheitsmeinung  (vgl.  AhdGr  §§
83-90  mit  weiterer  Literatur)  -  in  merowingischer  Zeit  von  Süden  nach  Norden
  und  erfasste  dabei  die  fränkische  Sprachengruppe  nur  partiell,  die  norddeutsche
  Tiefebene  und  die  Küstengebiete  dagegen  überhaupt  nicht;  die  areallinguistischen
  und  chronologischen  Dimensionen  dieses  Phänomens  gehören
zu  den  faszinierendsten  und  zugleich  umstrittensten  Fragestellungen  philologisch
  orientierter  Frühmittelalterforschung  überhaupt.  Dass  „der  sprachgeographische
  Befund  der  Gegenwart,  der  eine  breite  Zone  zwischen  Oberdeutsch
  und  Niederdeutsch  mit  stets  wechselnden  und  unterschiedlichen  Bildern
  der  Teilhabe  an  südlichen  und  nördlichen  sprachlichen  Zusammenhängen
aufweist,  [...]  nach  historischer  Erklärung  und  Deutung  [verlangt]“  (SCHÜTZ-E1CHEL
  1976,  1)  und  dabei  gerade  den  sprach-  und  siedlungsgeschichtlichen
Konstellationen  innerhalb  des  durch  die  .Landnahme4  Chlodwigs  begründeten
fränkischen  Reiches  eine  tragende  Rolle  zukommt,  ist  häufig  betont  worden
(vgl.  etwa  Venema  1997,  18ff.).
Das  große  Gebiet  des  .Rheinischen  Fächers4  ist  von  sehr  unterschiedlichen
naturräumlichen  und  vor  allem  siedlungsgeschichtlichen  Verhältnissen  charakterisiert:
  Die  Beachtung  solcher  Gegebenheiten  ist  notwendig,  um  die  Genese
  des  westmitteldeutschen  Dialektraums  zu  verstehen.  Insbesondere  der
Kölner  Raum  ist  Teil  der  -  von  Köln  selbst  abgesehen  -  in  manchen  Bereichen
  wohl  schon  in  spätantiker  Zeit  stark  germanisierten  Provinz  Germania
Inferior,  während  es  sich  innerhalb  der  Belgien  Prima  und  der  Germania  Su¬4

  Neuere  auf  Haubrichs  1987,  Venema  1997  und  Schwerdt  2000  basierende  Überlegungen
  zum  Lautverschiebungsproblem  bei  Pitz  1999a,  PitzWöllono  2003.

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