Full text: ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

3. Die gemeinsame Erfahrung durchlittenen Unrechts infolge der Ausweisung förder¬ 
te das Heranwachsen einer kollektiven Identität innerhalb der Gruppen1 M\ die durch 
wechselseitige Besuche bei benachbarten Vereinen gleicher Ausrichtung weiter 
gefestigt wurde. In den rheinisch-westfälischen Ortsverbänden wurde diese Grup¬ 
pensolidarität zusätzlich durch die Erfahrungen eines gefährlichen Arbeitsalltags 
verstärkt. 
4. Die Ortsgruppen kanalisierten das Bedürfnis der Saarländer, weder ihr eigenes 
Schicksal noch das ihrer einstigen Heimat stillschweigend zu akzeptieren. In¬ 
nerhalb einer größeren Gemeinschaft konnten sie sich zugunsten der Herstellung 
der alten Verhältnisse engagieren. Ähnliche Motive mögen auch die nichtsaarlän¬ 
dischen Mitglieder zum Beitritt bewogen haben. 
5. Wie im folgenden zu zeigen sein wird, kollidierten die hohen Ansprüche der 
Berliner Geschäftsstelle an die Ortsgruppen mit den Wünschen der „Saar-Freunde“ 
nach unpolitischem, geselligen Beisammensein. Die Abwechslung vom Arbeitsall¬ 
tag und körperliche Regeneration besaß für viele Mitglieder eine höhere Priorität 
als die Vorbereitung und Durchführung aufwendiger Saarpropaganda. 
Phasen der freiwilligen oder erzwungenen Trennung vertiefen die emotionalen 
Bindungen an die ursprüngliche Heimat136 137. Diesen Effekt konnte sich der Bund der 
Saarvereine bei der Rekrutierung neuer Mitglieder zunutze machen, indem er in¬ 
nerhalb der Ortsgruppen die zwar individuellen, aber bei der Mehrzahl der im Reich 
lebenden Saarländer in ähnlicherWeise vorhandenen Erinnerungen und Erfahrungen 
aufzufrischen versuchte. Zugleich propagierte er die gemeinsame Pflege des Heimat¬ 
gedankens als Dienst am Vaterland138. Im gleichen Maße wie die Vorträge und 
Ansprachen auf den monatlichen Versammlungen durch das gebetsmühlenartige 
Anprangern des Unrechtsregimes an der Saar weiterhin Salz, in die Wunde der 
Trennung streuten, fingen sie die Zuhörerschaft mit (stetig zunehmenden) unterhal¬ 
tenden Beiträgen über Landschaft, Natur, Geschichte und Kultur der Saarheimat 
wieder auf. Ebenso stärkten die ersten Lichtbildervorträge der Geschäftsstelle „Saar- 
Verein“, die an die Ortsgruppen ausgeliehen wurden und in naiver Weise die Er¬ 
innerungen an die Jahre 1870/71 pflegten, das Heimatgefühl139. Gerade in den frühen 
Jahren machte der „Saar-Freund“ den Trennungsschmerz der Saarländer im Reich 
zum Thema140. Rückblickend schrieb er sich das Verdienst zu, „die deutsche Heimat¬ 
liebe in ein gewaltiges Flußbett geleitet und richtungsgebend für den Heimatdienst zu 
dem Saargebiet gegeben hat. Außerdem hatten zahlreiche Saarländer schon lange vor Kriegsende der 
Saarregion den Rücken gekehrt. 
136 Vgl. Rammert, S. 11 f. 
137 Vgl. FISCHER: Heimatgedanken, S. 15. 
I3R Vgl. Vortrag Kellners von der Ortsgruppe Koblenz am 10.08.32, in: SF 13 (1932) 16, S. 256. 
139 Vgl. undatiertes Gutachten für die RVP, in: PA AA, II a Saargebiet, R 76.090. 
1411 Vgl. hierzu: „Hemmweh no Saarbricke“ (Friedrich Schön), in: SF I (1920) 4, S. 22; „Heimat“ 
(Lisbeth Dill), in: SF 1 (1920) 11, S. 90 ff. 
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