trugen die lokalen Vereine als kostenlose Verteiler von Propagandamaterial, Ansprechpartner
vor Ort und Veranstalter von Kundgebungen erheblich zur finanziellen
Entlastung der Geschäftsstelle „Saar-Verein“ bei.
Doch was vereinte die „Saar-Freunde“, was veraniaßte die Mitglieder, einem lokalen
Saarverein beizutreten oder Einzelmitglied in der Bundesorganisation zu werden?
Folgende Motive dürften ausschlaggebend gewesen sein132:
1. Die Vereine dienten gerade in den Jahren 1919 und 1920 als erste Anlaufstation
für die binnen kürzester Frist ausgewiesenen Saarländer, halfen diesen in ihrer
neuen Umgebung Fuß zu fassen und erleichterten die Integration in der neuen
Gemeinde.
2. Als Sammelbecken ausgewanderterund ausgewiesener Saarländer erfüllten sie das
Bedürfnis nach heimatlicher Geborgenheit133. Das Festhalten an liebgewonnenen
Traditionen und das gemeinsame Zelebrieren alter Erinnerungen vermittelte auch
in der Fremde das Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit. Innerhalb der Vereine
integrierten die Saarländer Elemente der alten Heimat in das neue Zuhause. Um die
Tausenden ausgewanderter und geflüchteter Saarländer über eine so lange Zeit bei
der Stange halten und somit ihre Mitgliedschaft im Bund instrumentalisieren zu
können, war es unerläßlich, deren Verbundenheit mit der Heimat immer wieder
aufs neue zu bekräftigen. Die Vereine boten den „Exilsaarländern“ der Zwischenkriegszeit
die Möglichkeit, ein Stück dieser Heimat1'4 in die „Diaspora“ zu projizieren;
Gefühle der Trennung und des Heimwehs ließen sich so leichter ertragen
und wurden innerhalb der Gemeinschaft gleichgesinnter Schicksalsgenossen
kompensiert135.
und körperschaftlichen Mitgliedern zusammen über 90% betrugen (22.240,10 RM): Vgl. undatierte
Jahresbilanz 1924, in: BA-R 8014/28. Im Jahr 1925 hatte der Bund Ausgaben in Höhe von 87.000
RM, denen ganze 650 RM Einnahmen durch die Ortsgruppen gegenüberstanden: Vgl. „Die Jahresarbeit
des Bundes der Saarvereine und der Geschäftsstelle .Saar-Verein' im Jahre 1925“ (Januar
1926), in: LA Saarbrücken, Saar-Verein 2.
132 Zu den vier sozialen Wünschen der Mitglieder von Vereinen (Sicherheit. Erwiderung, Anerkennung,
Erfahrungen) vgl. von Wiese, S. 493^)96. Zu den möglichen gesellschaftlichen Funktionen von
Vereinen wie Vermittlung, Aggregation, Selektion, Artikulation und Indikation, Partizipation,
Kommunikation, Integration oder Kompensation vgl. Sahner, S. 49-54; Siewert, S. 171-174;
Wehling: Heimat Verein. S. 91 ff.
133 Damit ist die Funktion der lokalen Saarvereine bis zu einem gewissen Grad mit der Aufgabe der
Vereine im Saargebiet im 19. Jahrhundert vergleichbar, die „als identitäts- und geborgenheitsstiftende
Zentren [...] Ersatz für die verlassene Heimat oder den verlorenen nachbarschaftlichen und korporativen
Zusammenhalt schufen“: LlNSMAYER: Geselligkeit und Selbstbestimmung, S, 235. Zum mystifizierten
Heimatbegriff in der Zwischenkriegszeit vgl. NEUMEYER, S. 32-39.
134 „Heimat“ muß nicht ausschließlich räumlich begrenzt sein; Familie, Verwandte und alte Freunde
können ebenso wie vertraute Gewohnheiten, Gebräuche und Sitten zum Heimatgefühl beitragen: Vgl.
BOLLNOW, S. 29; WEINACHT, S. 108 f. Die Bedeutung der Heimat als „Satisfaktionsraum“ (vgl.
NEUMEYER, S. 96-121) bzw. „Kompensationsraum" (BAUSINGER: Heimat und Identität, S. 13), hat
in den vergangenen Jahren als Gegenbewegung zur Globalisierung eher zu- als abgenommen.
135 Vgl. die zahlreichen Parallelen zu den vertriebenen Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg,
in: Hahn: Sudetendeutsche. Nichtsdestotrotz hinkt der Vergleich mit den Vertriebenenverbänden
nach dem Zweiten Weltkrieg, da es nach 1918 keine systematische Vertreibung von Deutschen aus
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