Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

leugnende  Übergewicht  protestantisch-preußischer  Beamter  innerhalb  des  Ausschusses
  sollte  durch  kontinuierlich  wiederholtes  Betonen  der  Überparteilichkeit
sowie  stände-  und  konfessionenübergreifende  Ausrichtung  kaschiert  werden.  Ungeachtet
  der  bis  dahin  eher  konfliktgeprägten  Kontakte  seiner  Mitglieder  zu  konfessionellen
  und  sozialistischen  Organisationen  suchte  der  Saargebietsschutz  die  Kooperation
  mit  den  reichsdeutschen  Gewerkschaften96,  Waren  die  Warnungen  vor  der
katastrophalen  wirtschaftlichen  Zukunft  der  Saarwirtschaft  bei  Realisierung  der
Vertragsbestimmungen  zwar  in  erster  Linie  auf  mittelständische  Unternehmen  und  in
noch  stärkerem  Maße  auf  die  Großindustrie  gemünzt,  mußte  der  Saargebietsschutz
schon  allein  aus  taktischen  Erwägungen  bemüht  sein,  die  Arbeiterschaft  auf  seine
Seite  zu  ziehen.  Dabei  kam  der  Propaganda  des  Saargebietsschutzes  zugute,  daß  die
französische  Militäradministration  schon  im  Frühjahr  1919  die  Abkoppelung  von  den
arbeits-  und  sozialpolitischen  Errungenschaften  der  Weimarer  Republik  durch  die
Rücknahme  des  Achtstundentages  vorgenommen  hatte.  Es  war  somit  ein  leichtes,  auf
die  fehlende  Arbeitslosenversicherung  bzw,  die  generell  schlechteren  Leistungen  der
französischen  Sozialversicherung  und  die  hinlänglich  bekannte  Unterdrückung  von
Streikbewegungen  hinzuweisen.  Man  brauchte  der  Arbeiterschaft  nur  das  Schreckgespenst
  des  Zehnstundentages,  der  Streichung  der  „Berechtigungskohlen“  und
Hausbauprämien  aufzuzeigen,  um  sie  vor  den  prodeutschen  Propagandakarren
spannen  zu  können97.  Zudem  erleichterten  die  Erfahrungen  der  französischen  Besatzung
  sicherlich  nicht  die  Herausbildung  eines  „état  d'esprit  favorable  à  la  France“  an
der  Saar.
Somit  wurde  nach  dem  Waffenstillstand  von  verschiedenen  Seiten  versucht,  die
französischen  Saarpläne  zu  durchkreuzen:
1.  Im  Saargebiet  selbst  bildete  sich  um  die  traditionellen  Führungseliten  eine  parteiübergreifende
  Abwehrfront  aus  konfessionellen  Verbänden,  Gewerkschaften  und
Vereinen,  die  nach  außen  den  Eindruck  erweckte,  daß  die  gesamte  Bevölkerung
des  Mandatslandes  geschlossen  für  die  Rückgliederung  eintrat.
2.  Von  offizieller  Seite  bemühten  sich  die  Behörden  des  Reichs  und  der  Länder  in
Berlin  und  München,  deren  untergeordnete  Verwaltungen  in  Trier  und  der  Pfalz,
die  Waffenstillstandskommission  sowie  die  deutsche  Delegation  in  Versailles,  die
Friedensbedingungen  für  die  Saarländer  erträglich  zu  gestalten  und  alles  daran  zu
setzen,  die  Verbindungen  an  die  Saar  bzw.  von  der  Saar  nicht  abreißen  zu  lassen.
Ihnen  waren  allerdings  aus  außenpolitischen  Erwägungen  vielfach  die  Hände
gebunden.

96  Siehe  hierzu  die  Briefe  des  SGS  an  die  katholischen  Arbeitervereine,  den  Zentralrat  der  Freien  Gewerkschaften,
  den  Zentralrat  der  christlichen  Gewerkschaftsvereine  sowie  den  Zentralrat  der  Deutschen
Gewerkschaftsvereine  (29.02.19),  in:  BA-R  8014/835.
97  Vgl.  den  undatierten  Aufsatz  „Was  will  Frankreich  vom  Saargebiet?“,  in:  BA-R  8014/5.  Nachrichtensammlung
  I  (26.03.19):  Durch  die  Übergabe  der  Steinkohlegruben  in  französische  Privathände  müßte
die  unvermischt  reindeutsche  Rasse  der  Arbeiter  „Sklavendienste  für  fremde  Kapitalisten  leisten.“:  Ebd.

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