Fochs Vorbereitungen liefen, die Stadt als Teil Frankreichs zu proklamieren'6. Wie
bei solchen Kundgebungen üblich, wurden Begrüßungs- und Zustimmungstelegramme
verlesen, so unter anderem von Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann und
den saarländischen Abgeordneten in Weimar56 57. In der abrundenden Entschließung
wurde der überparteiliche und ständeübergreifende Charakter der Veranstaltung
hervorgehoben und erneut die Anwendung des Selbstbestimmungsrechtes für die
Saarländer gefordert. Deren Bekenntnis, deutsch bleiben zu wollen, zog sich als roter
Faden durch die einzelnen Redebeiträge.
Die unmittelbare Wirkung der Veranstaltung beschränkte sich vor allem auf selbst
lancierte Presseberichte, wodurch den „Saarfreunden'1 zunächst die erhoffte öffentliche
Anerkennung verwehrt blieb. Dennoch war die Sportpalastkundgebung kein
singuläres Phänomen. Sie bildete vielmehr den Startschuß zu einer im ganzen nichtbesetzten
Reichsgebiet verbreiteten, in vielfachen Erscheinungsformen durchgeführten
und bis in die Tage der Unterzeichnung des Friedensvertrages andauernden
Propagandakampagne des Saargebietsschutzes.
Diesbezüglich hatte sich schon Anfang März 1919 Generalleutnant a.D. Hermann
Heidbom58 im Auftrag des Saargebietsschutzes an alle preußischen Oberpräsidien mit
der Bitte gewandt, Kundgebungen in ihrem Zuständigkeitsbereich zu veranlassen'1 60'.
Im Laufe der folgenden Wochen ergingen auch für Kommunen und sonstige potentielle
Veranstalter detaillierte Handlungsanweisungen für die Durchführung der
Saarpropaganda, die insbesondere bei der Arbeiterschaft ansetzen sollten61'. Ob auf
den Protestversammlungen auch die Problematik Elsaß-Lothringens angeschnitten
wurde, mußte vor Ort entschieden werden; die Notwendigkeit derartiger Kundgebungen
für das Reichsland wurde prinzipiell anerkannt. Mindestens zwei Wochen
vor einem geplanten Termin sollte der Saargebietsschutz als Koordinationsstelle
56 Siehe auch Weißbuch. Dok. 13 mit Anlagen. S. 36 f.; SF 10 (1929) 10, S. 187 f.
57 Vgl. SF 15 (1934) 16/17, S. 314. Die Gerüchte überein mögliches Kompensationsszenario fanden ihre
scheinbare Bestätigung in der mangelnden Beteiligung von Regierungsvertretern an der Protestkundgebung:
Während im Sportpalast lediglich die beiden StSe Mügel und Dönhoff als Vertreter von Staatsund
Reichsregierung erschienen waren, ergriffen nur eine Woche später bei den verschiedenen Kundgebungen
gegen die Abtrennungen im Osten Persönlichkeiten wie Matthias Erzberger und Eduard
Bernstein als Redner das Wort und dokumentierten damit, daß der Bedrohung durch Polen eine höhere
Priorität als den französischen Annexionsplänen an der Saar beigemessen wurde.
58 Heidbom (1857-1924) war mit Helene, der Schwester Hermann Röchlings, verheiratet: Vgl. SEIBOLD,
S. 106.
59 Vgl Brief Heidborns an den Oberbürgermeister der Stadt Leipzig (02.03.19), in: StA Leipzig. Kap.
35/1252, Nr. 1. Zugleich rief der SGS dazu auf, bis in die kleinsten Schulen und Lehranstalten begleitende
Vorträge durch die Lehrer zu halten. Eine entsprechende Verfügung des PrMWissenschaft vom
12.03.19 erleichterte dieses Vorhaben. Allerdings konnte der SGS nicht überall auf ein solches Entgegenkommen
zählen: Der Staatskommissar für das Unterrichtswesen in Bremen erteilte Heidbom am
19.04.19 eine diesbezügliche Absage: Vgl. Staatsarchiv Bremen, 3-V.2/ 2053.
60 Vgl. im folgenden: „Merkblatt für die Agitation betr. Saargebiet und Elsaß-Lothringen“ (15.03.19), in:
BA-R 8014/836; Rundschreiben des SGS an Städte und Gemeinden sowie Verbände, Vereinigungen
und Parteien, hieran den Magistrat der Stadt Leipzig (14.04.19). in: StA Leipzig. Kap. 35/1252, Nr. I
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