einen und den inzwischen eingetroffenen Abstimmungsberechtigten an den Repräsentanten
aus Staat und Partei vorbei. Es erklangen Fanfaren und der Genialität
des „Führers“ wurde in pathetischen Ansprachen gehuldigt, bevor in vielen Orten
Feuerwerke die Zeremonien beendeten'™.
Der Ausgang des Referendums bot den Nationalsozialisten die willkommene Gelegenheit,
das Andenken an den verachteten Außenminister der „Systemzeit“ zu
beenden: Die Berliner Stresemannstraße zwischen Potsdamer Platz und Halleschem
Tor, in welcher auch die Geschäftsstelle „Saar-Verein“ seit 1919 ihren Sitz hatte,
wurde am 26. Januar 1935 in „Saarlandstraße“ umbenannt178 179.
3.5 Zusammenfassung
Erst in den letzten zwölf Monaten vor dem Plebiszit wandten sich die reichsdeutschen
Behörden verstärkt den organisatorischen Vorbereitungen zur Erfassung der
Saarabstimmungsberechtigten zu, obwohl hierum seit Jahren immer wieder von der
Geschäftsstelle „Saar-Verein“ gebeten worden war. Während sich die Zurückhaltung
einerseits mit der Vermeidung unnötiger Arbeit erklären läßt, unterschätzte die
Wilhelmstraße andererseits bis weit in das Jahr 1934 hinein die Bedeutung der
jenseits des Saargebiets lebenden Wähler sowohl in qualitativer als auch quantitativer
Hinsicht. Je deutlicher sich im Laufe der Wochen die Größenordnung dieser Wählergruppe
abzeichnete, desto wichtiger wurden die Hilfsdienste, die der Bund der
Saarvereine leistete: Ab dem Frühjahr 1934 auch von offizieller Seite hierzu ermächtigt.
unterstützte er über seine Ortsgruppen und lokalen Ableger die Behörden auf der
Suche nach möglichen Abstimmungsberechtigten, integrierte diese in seine Reihen
und sorgte ab Herbst gemeinsam mit Parteigliederungen für einen bis dahin kaum
gekannten Versammlungs- und Kundgebungsmarathon zur emotionalen Einstimmung
auf das nationale Großereignis. Die Berliner Zentrale kooperierte ebenso wie zahlreiche
Ortsverbände mit der Saarbrücker Beratungsstelle der „Deutschen Front“ und
machte so die Versuche der „Einheitsfront“ zunichte, den prodeutschen Wählerkreis
durch eine Lawine von Einsprüchen zu minimieren.
Große organisatorische Schwierigkeiten und eine erhebliche finanzielle Belastung
stellten die Ausländsdeutschen dar, die eigens zur Stimmabgabe auf Kosten des
Reichs ins Saargebiet befördert wurden. Ihr propagandistisches Potential wurde von
der Reichsregierung gezielt eingesetzt und in der Presse entsprechend ausgeschlachtet,
ließen sich durch sie doch mögliche Zweifler und Skeptiker ins deutsche Boot
holen: Schließlich reisten die Exilsaarländer wochenlang aus Nord- und Südamerika
an die Saar, nur um mit einem Kreuzchen ihr einstiges Zuhause „heim ins Reich“ zu
178 Vgl. „Gladbecker Volkszeitung“ Nr. 15 und Nr. 16 (16.01.35 und 17.01.35); „General-Anzeiger für
das nord-westliche Industriegebiet und das westliche Münsterland“ Nr. 15 und Nr. 16 (15.01.35 und
16.01.35).
179 Vgl. DNB-Meldung (15.01.35). Ende Juli 1947 erfolgte die Rückbenennung in „Stresemannstraße“:
Vgl. MENDE, Bd. 3, S. 528; Bd. 4, S. 159.
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