Großtat und psychologischen Befreiungsschlag empfunden haben174. Insbesondere
während des zurückliegenden Jahres war die Stimmung derart angeheizt worden, daß
sich praktisch alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens auf diesen einen
Tag ausrichteten: Zeitungen zählten die Tage bis zum Sakralakt des Plebiszits herunter
und Durchhalteparolen steigerten die Spannung in den letzten Wochen ins
Unermeßliche.
Ähnlich lautende Aufrufe in der Lokalpresse forderten die Bevölkerung an den
beiden folgenden Tagen auf, den heimkehrenden Saarländern einen ebenso festlichen
Empfang wie bei ihrer Verabschiedung zu bereiten. So überrascht es kaum, daß sich
die inszenierten Aufmärsche und die scheinbar spontanen Ausbrüche nationaler
Begeisterung hinsichtlich des Ablaufs und der Beteiligung nur geringfügig von den
nächtlichen Feiern im Vorfeld des Plebiszits unterschieden175. Die nord- und ostdeutschen
Abstimmungsberechtigten befanden sich meist noch in den Sonderzügen, als
am Morgen des 15. Januar 1935 der Vorsitzende der Abstimmungskommission Alan
E. Rohde das mit höchster Spannung erwartete Ergebnis verkündete. Von den
539.541 registrierten Wählern hatten 528.105 ihre Stimme abgegeben. Entsprechend
der drei alternativen Optionen entfielen
* auf die Beibehaltung des gegenwärtigen Zustandes 46.613 Stimmen,
* auf die Vereinigung mit Frankreich 2.124 Stimmen,
* auf die Vereinigung mit Deutschland 477.119 Stimmen176.
Es hatten sich nicht nur über 90% für die Rückgliederung des Mandatsgebiets an das
inzwischen nationalsozialistische Deutschland ausgesprochen, sondern es waren
sogar mehr Abstimmungsberechtigte von außerhalb an die Saar gereist, als gemeinsam
Stimmen auf die Beibehaltung des Status quo und den Anschluß an Frankreich
entfielen.
174 Ein neutraler Beobachter aus der Schweiz urteilte hierüber: „Ich habe selten in meinem Leben einem
so feierlichen, ja ergreifenden Akte beigewohnt wie dieser Abstimmung. Das Ganze trug einen
vollkommen gottesdienstlichen Charakter. Die Männer und Frauen, die da, sonntäglich gekleidet, in
feierlichem Schweigen standen und warteten, bis sie an den Tisch vortreten, den Stimmzettel in
Empfang nehmen und hinter dem Vorhang verschwinden durften, der die Stimmzelle abschloß,
standen ganz zweifellos unter dem Eindruck, daß ihre Stimmabgabe vielleicht der wichtigste und
verantwortungsvollste Akt sei, den sie in ihrem ganzen Leben zu vollziehen hätten. Es war, als
stünden sie vor Gott, und seien berufen, eine Handlung zu vollziehen, von der nicht nur ihr ganzes
Leben, sondern ihr Seelenheil abhänge. (...] Ich bin sicher, daß mancher, der bis zum letzten Augenblick
geschwankt hatte, erst unter dem feierlichen Eindruck dieser Wahlversammlung, wo alles
Äußerliche, alles Parteiwesen verschwunden war, die Frage, die es galt zu beantworten, in ihrer
sittlichen Bedeutung und Größe ganz erfaßte: für oder gegen Dein Vaterland?“: Aufzeichnung (Januar
1935), in: BA-R 43-1/256. Nach seiner Ansicht hatten die strengen Vorschriften der Abstimmungskommission
der deutschen Sache eher genutzt als geschadet.
175 Vgl. „Niederdeutscher Beobachter“ (13.01.35); „Tremonia“ (14.01.35); „Würzburger General-Anzeiger“
Nr. II und Nr. 12 (14.01.35 und 15.01.35); „Gladbecker Volkszeitung" Nr. 14(15.01.35);
„Alemanne“ Nr. 15 (15.01.35); „Neue National-Zeitung“ (16.01.35); „Dresdner Anzeiger“ Nr. 16
(16.01.35); Chronik der Stadt Essen für das Jahr 1935, S. 10.
176 905 Personen hatten ungültige, 1.292 weiße Wahlzettel abgegeben: Vgl. JO 16 (1935) 2. S. 243-247;
DNB Nr. 75 (15.01.35).
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