Die Fahrt selbst war der letzte Akt der von den verschiedenste Gerüchten169 begleiteten
Propagandaaufführung: In den Zügen ließ die Geschäftsstelle „Saar-Verein'4
Muster offizieller Stimmzettel an die Abstimmungsberechtigten verteilen, um diesen
noch einmal die Wahlmodalitäten vor Augen zu führen170, während sogar an kleinsten,
feierlich geschmückten Bahnhöfen Musikkapellen aufspielten und ab dem
Vorabend des 13. Januar kurz vor der Saargrenze auf 70 Hügeln weithin sichtbar
Höhenfeuer brannten171 172.
Anders als beim Empfang der wenige Tage zuvor euphorisch begrüßten ausländischen
Wähler verlief die Ankunft der reichsdeutschen Sonderzüge eher kühl und
sachlich, um der Regierungskommission angesichts der gereizten Stimmung des
Abstimmungswochenendes keinen Vorwand zur Intervention zu bieten. Ein internationales
Kontingent aus 1.500 britischen, 1.300 italienischen sowie jeweils 250
schwedischen und niederländischen Soldaten, welches seit Dezember 1934 als
sogenannte Abstimmungspolizei in verschiedenen saarländischen Ortschaften kaserniert
war, sorgte auch am eigentlichen Wahltag für die Aufrechterhaltung der öffentlichen
Ordnung und den Transport der versiegelten Urnen zur zentralen Auszählungsstelle
in Saarbrücken12.
* * *
Der lang ersehnte „Tag X“ war gekommen. Dank zahlreicher zeitgenössischer
Berichte und Lebenserinnerungen sind Einzelheiten über den Verlauf des 13. Januar
1935 an der Saar mit seinen seltsam anmutenden Wahlvorschriften seit langem
bekannt und sollen daher in diesem Zusammenhang nicht weiter erörtert werden173.
Nüchtern betrachtet erhielt lediglich eine halbe Million Menschen die Gelegenheit,
über die künftige staatsrechtliche Zugehörigkeit eines kleinen Industriereviers an der
westlichen Peripherie des Reiches abzustimmen. Ein Großteil der Wähler des 13.
Januar dürfte es allerdings - nach mehrmonatiger Besatzungsherrschaft und 15jähriger
Völkerbundsverwaltung, die das Wohl der Bevölkerung viel stärker im Auge
hatte, als es die Saarländer wahrnehmen oder eingestehen wollten - als nationale
75.487. Die Landesgruppe Bayern betreute daher auch die Abstimmungsberechtigten aus Italien,
Österreich und den Balkanstaaten.
169 Den Worten des Generaldirektors der Deutschen Reichsbahn zufolge sollten die Sonderziige beschossen
oder sogar gesprengt werden. Vgl. hierzu auch die Parolen des RMPropaganda vom
03.01.35 und 04.01.35, in: BOHRMANN/ TOEPSER-ZlEGERT, Bd. 3/1: 1935, S. 2 und S. 6. Harmloser
hingegen war die Warnung vor Versuchen der Rückgliederungsgegner, in den Besitz der Abstimmungsausweise
zu gelangen: Vgl. SF 15 (1934) 23, S. 483.
70 Vgl. Rundschreiben derGSV (08.01.35), in: LHA Koblenz, 661.11/12.
171 Die Resonanz auf eine entsprechende Anregung der Landesgruppe Westmark war erfolgreicher, als
die Initiatoren erwartet hatten. Schon zwei Wochen vor dem Plebiszit konnte der Propagandawart der
Landesgruppe melden, daß sich sämtliche Einwohner der Dörfer an ihren Höhenfeuern versammeln
wollten: Vgl. Brief Dubs an Kellner (27.12.34), in: LHA Koblenz. 661,11/6.
172 Vgl. Broc; Wamesaugh, S. 282-286.
173 Vgl. ebd.. S. 300 ff.; Paul: Deutsche Mutter, S. 362-370.
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