Mutter präsentieren, wie sie die Plakate der „Deutschen Front“ zu suggerieren
bemüht waren1-'9.
Ein Ukas des Reichspropagandaministeriums garantierte, daß die Verabschiedung der
mehreren Tausend Abstimmungsberechtigten ein einheitliches Bild bot:
„In derZeit vom 10. bis 12. Januar 1935 werden 47.000 im Reich wohnende abstimmungsberechtigte
Saarländer in 57 Sonderzügen nach dem Saargebiet zur Abstimmung befördert. Die
Leitung liegt in den Händen des Bundes der Saarvereine. Bei der Abfahrt der Abstimmungsberechtigten
sind in allen Hauptabfahrtsorten Saarkundgebungen zu veranstalten. Die Bahnhöfe,
Straßen, Züge und die wichtigsten Teile der Fahrtstrecke sind zu schmücken. Die Bevölkerung
versammelt sich möglichst am Bahnhof oder an der Bahnstrecke. Lieder, die eine kriegerische
Stimmung hervorrufen könnten wie .Siegreich woll’n wir Frankreich schlagen1, ,Die Wacht am
Rhein1 usw. dürfen nicht gesungen werden. Lfm dies zu verhindern, sind geeignete Amtswalter
in der Menge so zu verteilen, daß sie gegebenenfalls durch Rufe das Singen solcher Lieder
verhindern können. [...] Die am 14. bis 16. Januar 1935 erfolgende Rückfahrt der Abstimmungsberechtigten
ins Reich ist im gleichen Rahmen zu gestalten."159 160
Ehrenspaliere von Parteigliederungen empfingen am Bahnhof die in geschlossenen
Formationen eintreffenden Abstimmungsberechtigten161 gemeinsam mit einer nach
Tausenden zählenden Zuschauermenge. Je nach Entfernung zum Saargebiet erfolgten
die reichsweit ähnlichen Inszenierungen zu nächtlicher Stunde, wobei Fackelträger,
Musikkapellen und pathetische Ansprachen den feierlich-sakralen Charakter des
bevorstehenden Wahlaktes noch unterstrichen, ln aller Regel hatten die Ortsgruppen
gemeinsam mit den lokalen Parteidienststellen sich darum gekümmert, daß die Wege
zum Bahnhof festlich geschmückt waren162. Gehörten derartige Aufmärsche bereits
zum nationalsozialistischen Alltag, so bezweckten sie in den Tagen vor dem Plebiszit,
den Abstimmungsberechtigten noch einmal den Rückhalt der reichsdeutschen
Bevölkerung zu demonstrieren.
Die Beförderung erfolgte in Sonderzügen dritter Klasse163; in Ausnahmefällen, über
welche die Obleute des Bundes zu entscheiden hatten, wurden auch höhere Klassen
159 Zwei Monate nach dem Plebiszit teilte das Gauamt für Volkswohlfahrt der Landesgruppe Westmark
die allein dort angefallenen Kosten mit (07.03.35, in: LHA Koblenz, 661,11/29): Etwa 58.000 RM
mußten für die Einkleidung, 14.500 RM für die Kinderbetreuung sowie über 15.000 RM für Reisezuschüsse
aufgebracht werden.
160 Schnellbrief des RMPropaganda an alle Landesstellen (17.12.34), in: PA AA, II a Saargebiet, R
75.487.
161 In München, von wo drei der insgesamt sieben Sonderzüge für die bayerischen Abstimmungsberechtigten
abfuhren, erfolgte die Zusammenkunft bereits um 14 Uhr, um sieben Stunden später zum
Hauptbahnhof zu marschieren: Vgl. Brief Johannes’ an Siebert (09.01.35) und Antwortschreiben
Sieberts (10.01.35), in: BayHStA, StK 6120. Groß aufgezogene Saarkundgebungen wie in München
anläßlich der Verabschiedung waren keine Seltenheit. Siehe hierzu die etwa 90sekündigen Filmaufnahmen
„Aufbruch der Abstimmungsberechtigten zur Saarabstimmung“ aus Mannheim in der Nacht
zum 13.01.35, in: StA Mannheim, Filmsammlung 6.
162 Die Aufbruchsstimmung an den Bahnhöfen erinnerte stark an die Verabschiedung der Fronttruppen
im August 1914: Vgl. „Würzburger General-Anzeiger" Nr. 9 und Nr. 10 (11.01.35 und 12.01.35);
„Fränkisches Volksblatt“ Nr. 12 (15.01.35); „Gladbecker Volkszeitung“ Nr. 12 (13.01.35); „General-Anzeiger
für das nordwestliche Industriegebiet und des westliche Münsterland“ Nr. 13 (13.01.35);
„N.S.Z.“ (14.01.35); Chronik der Stadt Essen für das Jahr 1935, S. 10.
163 Vgl. „Anweisung für die Transportleiter“ (Dezember 1934) und „Die tarifarische und abfertigungstechnische
Organisation der Abstimmungsreisen (08.12.34), in: LA Saarbrücken, Saar-Verein 28.
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