Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

„Alle  Organe  des  Bundes  der  Saarvereine  sind  dem  deutschen  Volke  dafür  verantwortlich,  daß
auch  der  letzte  Saarabstimmungsberechtigte  ordnungsgemäß  zur  Abstimmung  geführt  wird.  Nur
Todesgefahr  und  andere  schwere  Erkrankungen  entbinden  von  der  Abstimmungspflicht.“
Inhaltliche  Überzeugungsarbeit  mußten  die  Obleute  und  Ortsgruppen  keine  leisten;
vielmehr  galt  es,  den  Abstimmungsberechtigten  das  Gefühl  zu  vermitteln,  einen
entscheidenden  Beitrag  zum  Aufbau  des  neuen  Deutschlands  zu  leisten.  Mehr  oder
weniger  freiwillig  waren  sie  in  das  Vereinsleben  integriert144  und  wurden  der  übrigen
Bevölkerung  in  unzähligen  Kundgebungen  oder  Aufmärschen  präsentiert.  Auf
Weisung  des  Saarbevollmächtigten  mußten  im  Dezember  1934  in  allen  Dependancen
des  Bundes  Versammlungen  einberufen  werden,  auf  welchen  die  lokalen  Leiter  der
NSDAP  das  Wort  ergriffen149 150.
Die  um  den  Jahreswechsel  1934/35  tagtäglich  geschalteten  Aufrufe  und  Inserate,  die
Straßentransparente,  Rundfunkansprachen  und  Kundgebungen  besaßen  daher  eine
doppelte  Aufgabe;  Zum  einen  sollten  sie  den  Berechtigten  noch  einmal  die  wichtigsten
  Abstimmungsmodalitäten  und  organisatorischen  Einzelheiten  ins  Gedächtnis
rufen151,  andererseits  zielten  die  Appelle  auf  das  Ehrgefühl  und  Pflichtbewußtsein  der
Wahlberechtigten  und  erhöhten  den  moralischen  Druck:
„Gedenke  Deiner  heiligen,  nationalen  Vaterlandspflicht,  der  Pflicht  der  Treue  und  der  Pflicht  zur
Heimat  durch  die  rechtzeitige  und  richtige  Abgabe  Deiner  Stimme.  [...]  Denke  immer  daran,  daß
es  sich  nicht  um  eine  Vergnügungsfahrt  handelt,  sondern  um  eine  ernste  vaterländische  Aufgabe,
deren  Erfüllung  für  Dich  eine  ganz  besondere  Ehre  ist.“1'  “
Das  Merkblatt,  aus  welchem  die  beiden  Zitate  stammen,  wurde  in  den  Tagen  vor  dem
13.  Januar  in  60.000  Exemplaren  an  die  Abstimmungsberechtigten  verteilt.  In  dieser
Hinsicht  hatte  Vogel  immerhin  jenes  Ziel  erreicht,  welches  die  Behörden  und  insbesondere
  das  Auswärtige  Amt  während  der  Weimarer  Jahre  stets  zu  vermeiden
gewußt  hatten:  Die  von  offizieller  Seite  abgesegnete  Selbstpräsentation  des  Vereins
als  verlängerter  Arm  der  Reichsregierung.
Zu  der  vereinbarten  Betreuung  der  Abstimmungsberechtigten  zählte  in  den  letzten
Wochen  vor  dem  Plebiszit  auch  die  Fürsorge  für  Arbeitslose  und  soziale  Härtefälle.
Eine  Anregung  der  Geschäftsstelle  „Saar-Verein“  von  Anfang  September153  auf¬149

 Vgl.  hierzu  die  Stimmungsberichte  aus  den  Ortsgruppen  des  Landesgruppe  Westmark,  die  zwischen
„durchaus  zuversichtlich  und  hoffnungsfreudig“  (Hermeskeil,  04.01.35)  und  „vorzüglich“  (Wadern,
03.01.35)  schwankte,  in:  LHA  Koblenz,  661,11/6.  Die  verschiedenen  Propagandastellen  mußten
insbesondere  in  den  letzten  Wochen  vor  dem  Plebiszit  auf  die  richtige  Balance  achten:  Es  durfte  nicht
zuviel  Siegeszuversicht  verbreitet  werden,  da  dies  das  Bedrohungspotential  relativiert  und  damit  dem
angestrebten  Mobilisierungseffekt  geschadet  hätte.
IMf  Vgl.  Rundschreiben  Debusmanns  an  die  Ortsgruppen  (03.12.34),  in:  LA  Saarbrücken,  Saar-Verein  27.
151  Wie  notwendig  derartige  Aufrufe  trotz  der  monatelangen  Vorarbeiten  war,  zeigt  das  Beispiel  eines
abstimmungsberechtigten  Ehepaares  aus  Coburg,  das  weder  einen  Reisepaß  erhalten  hatte  noch  über
die  Benutzung  der  Sonderzüge  aufgeklärt  worden  war:  Vgl.  Brief  des  Landratsamtes  Coburg  an  die
GSV  (21.12.34),  in:  Staatsarchiv  Coburg,  LRA  Coburg  9127.
152  „Merkblatt  für  die  Abstimmungsberechtigten  im  Reiche“  (Ende  Dezember  1934),  in:  LA  Saarbrücken,
Saar-Verein  27.
153  Vgl.  Brief  der  GSV  an  das  RMI  (01.09.34),  in:  BA-R  8014/684.

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