Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

Wie  eine  undatierte  Aufzeichnung  zeigt,  gaben  sich  selbst  führende  Köpfe  der
„Association  Française  de  la  Sarre“  noch  im  Herbst  1934  der  Selbsttäuschung  hin:
Bei  jeder  der  prognostizierten  drei  möglichen  Ausgänge  des  Plebiszits  schwankte  die
Anzahl  der  Stimmen  für  Deutschland  bzw.  den  Status  quo  jeweils  zwischen  210.000
und  240.000"s.  Trotz  dieser  auch  nach  außen  bekundeten  Siegeszuversicht  machte
sie  sich  Gedanken  über  die  Möglichkeit,  daß  der  Status  quo  nicht  die  Mehrheit,
sondern  lediglich  eine  bedeutende  Minderheit  der  Stimmen  auf  sich  vereinigen
könnte.  Der  Verwaltungsrat  der  AFS  beschloß  Mitte  Dezember  1934,  daß  Frankreich
für  diesen  Fall  bei  den  Regierungen  Großbritanniens  und  Italiens  darauf  drängen
sollte,  daß  das  Saargebiet  geteilt  werde  und  die  zu  erwartenden  Flüchtlinge  in  einem
international  verwalteten  autonomen  Teilstaat  politisches  Asyl  erhielten114.
Die  Erfassung  profranzösisch  orientierter  Abstimmungsberechtigter  außerhalb
Frankreichs  erfolgte  über  die  französischen  Auslandsvertretungen,  die  nur  in  den
Vereinigten  Staaten  auf  die  Mithilfe  privater  Organisationen  zurückgreifen  konnten118
 12".  Die  Franzosen  sahen  sich  somit  bei  ihrer  Suche  nach  verstreuten  Saarländern,
die  nicht  ohnehin  für  die  Rückgliederung  an  Deutschland  stimmen  würden,  vor  noch
größere  Schwierigkeiten  als  ihre  deutschen  diplomatischen  und  konsularischen
Gegenspieler  gestellt.  Da  in  aller  Regel  Einzelreisen  bezahlt  werden  mußten,  bedeutete
  der  Transport  einen  überproportional  hohen  finanziellen  Aufwand121.  Wie  das
Beispiel  der  jüdischen  Gemeinde  Säo  Paulo  zeigt,  verzichteten  Abstimmungsberechtigte
  mitunter  auch  darauf,  von  ihrem  Wahlrecht  Gebrauch  zu  machen.  Zumindest
hatte  der  dortige  Konsul  wenig  Hoffnung,  viele  Mitglieder  für  die  Stimmabgabe
zugunsten  des  Status  quo  bewegen  zu  können.  Sie  seien  zwar  einhellig  für  die  erste
Abstimmungsoption,  fürchteten  aber  im  Falle  einer  Stimmabgabe  die  Konsequenzen
für  ihre  Glaubensbrüder  an  der  Saar122.
Ein  Sonderfall  unter  den  von  Frankreich  ermittelten  potentiellen  Abstimmungsberechtigten
  stellten  die  Angehörigen  der  französischen  Besatzungsarmee  dar,  die  zur
Zeit  der  Unterzeichnung  des  Versailler  Vertrages  im  Saargebiet  stationiert  waren.
Obwohl  französische  und  frankophile  saarländische  Blätter  Ende  1933  den  Versuchs¬118

  Vgl.  undatierte  Aufzeichnung  für  Lanrezac,  in:  MAE,  PA-AP,  212/1.
119  Vgl.  Communiqué  der  ASF  (nach  13.12.34),  in:  MAE,  PA-AP  212/2.
120  Vgl.  Brief  des  Gestapoamtes  Berlin  an  das  AA  (04.12.33),  in:  PA  AA.  II  a  Saargebiet.  R  75.458:  Brief
des  deutschen  Generalkonsulates  Chicago  an  die  deutsche  Botschaft  Washington  (04.06.34),  in:  PA
AA,  Botschaft  Paris  718  a;  Brief  des  AA  an  das  deutsche  Generalkonsulat  Kattovvitz  (18.07.34),  in:
PA  AA,  II  a  Saargebiet,  R  75.474.
121  Vgl.  Note  für  Außenminister  Laval  (17.11.34),  in:  MAE,  Sarre  243.  Beispielsweise  machten  zwei
Abstimmungsberechtigte  aus  Spanien  ihre  Teilnahme  davon  abhängig,  daß  sie  weder  auf  einem
deutschen  Schiff  noch  über  Reichsgebiet  zur  Wahl  anreisten:  Vgl.  den  Schriftverkehr  in:  C.A.D.N.
Amb.  Madrid  C  193.  Ebenso  wie  Deutschland  machte  Frankreich  die  Gewährung  von  Unterstützungsgeldern
  von  der  politischen  Zuverlässigkeit  der  Wähler  abhängig:  Vgl.  Briefe  des  französischen
Außenministeriums  an  die  französischen  Botschaften  Madrid  (17.12.34)  und  Bern  (18.12.34),  in:
MAE.  Sarre  243.
122  Vgl.  Brief  des  französischen  Konsulat  Säo  Paulo  an  das  Außenministerium  (29.09.34),  in:  ebd.

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