Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

gen  Interpretationsmodelle  zum  überraschenden  Ausgang  des  Plebiszits  zu  präsentieren'17.
  Die  generelle  Dominanz  des  Nationalen  in  der  politischen  Kultur  und  die
damit  einhergehende  Verknüpfung  der  sozialen  mit  der  nationalen  Frage,  das  jahrelange
  Einschwören  auf  die  Rückkehr  zur  „Deutschen  Mutter“,  von  dem  die  in  der
„Einheitsfront“  zusammengeschlossenen  Linksparteien  erst  viel  zu  spät  abrückten,
die  Faszinationskraft  des  neuen  Deutschland  in  Abgrenzung  zum  diskreditierten
Völkerbundsregime,  das  es  in  der  subjektiven  Wahrnehmung  der  Saarländer  nicht
verstanden  hatte,  Frankreich  während  der  15jährigen  Übergangszeit  politisch,  wirtschaftlich
  und  kulturell  in  die  Schranken  zu  weisen,  mögen  hierzu  ebenso  anzuführen
sein  wie  die  allgegenwärtige  Präsenz  und  der  Terror  der  „Deutschen  Front"  im
Abstimmungskampf117 118.  Mit  ihren  rationalen  Argumenten  und  abstrakten  Begriffen
blieb  die  „Einheitsfront“  zu  defensiv,  so  daß  es  ihr  nicht  gelang,  den  emotionalen
Parolen  der  Rückgliederungsfraktion  etwas  Ebenbürtiges  -  und  schon  gar  nicht  den
nie  verstandenen  Status  quo119  -  entgegenzusetzen.  Bei  der  Wertung  des  Ergebnisses
des  13.  Januar  1935  kann  auch  der  Faktor  „Angst“  nicht  vernachlässigt  werden,  da
ernsthafte  Zweifel  an  der  wirklich  geheimen  Stimmabgabe  herrschten120.  Hingegen
können  die  unmittelbar  aufkommenden  Gerüchte  über  eine  mögliche  Fälschung
inzwischen  als  widerlegt  gelten121.
*  *  *
Die  Quellenlage  zum  Bund  der  Saarvereine  kann  als  gut  bezeichnet  werden.  Nach  der
erzwungenen  Selbstauflösung  bzw.  Umwandlung  des  Bundes  in  eine  ausschließlich
landsmannschaftlich  orientierte  Vereinigung  von  Saarländern  und  Pfälzern  wurde  der
heimliche  Vorsitzende  Theodor  Vogel  mit  der  Abwicklung  „seiner“  Berliner  Geschäftsstelle
  betraut.  Sukzessive  ging  der  von  ihm  geordnete  Aktenbestand  in  den
Besitz  des  Potsdamer  Reichsarchivs  über,  während  die  Bücher  und  Druckschriften
die  Bestände  des  Historischen  Vereins  für  die  Geschichte  der  Saargegend  auffüllten.
Nach  der  Wiedervereinigung  gelangten  die  Potsdamer  Deposita  in  die  Sammlung  des
Bundesarchivs  Berlin.  Dieser  zentralen  Überlieferung  ist  -  von  einigen  wenigen
Ausnahmen  abgesehen  -  von  der  historischen  Forschung  bislang  kaum  Beachtung

117  Die  bislang  beste  komprimierte  Darstellung  hierzu:  VON  WEGNER,  der  das  Erklärungsmuster  „Für
Deutschland  -  trotz  Hitler“  in  Frage  stellt.  Vgl.  ebenso  als  Abstrakt  seiner  Dissertation:  PAUL:  Die
Saarabstimmung  1935.  Ferner:  HERRMANN:  Die  Volksabstimmung  vom  13.  Januar  1935.
"*  Vgl.  hierzu  insbesondere  PAUL:  Deutsche  Mutter,  S.  92-162.
"‘7  „Ins  Deutsche  übersetzt  hieß  Status  quo:  Es  soll  so  bleiben  wie  jetzt.  Wer  aber  von  den  Saarbewohnern
  wollte  schon,  daß  es  so  blieb,  wie  es  damals  war.“:  HONECKER,  S.  78.  Vgl.  hierzu  ebenso
Harig,  S.  56  f.  Zur  pejorativen  Konnotation  von  „Status  quo“  vgl.  GLUNK,  S.  119.
120  Der  Saarbevollmächtigte  Josef  Biirckel  leistete  diesbezüglichen  Befürchtungen  durch  ein  Interview
mit  der  „Tribune  de  Genève“  weiteren  Auftrieb:  Vgl.  SF  15  (1934)  21,  S.  435  f.  Die  Abstimmungskommission
  bemühte  sich  ihrerseits,  die  Gemüter  durch  eine  offizielle  Bekanntmachung  zu  beruhigen:
  Vgl.  Paul:  Deutsche  Mutter,  S.  364-370;  Wambaugh,  S.  448.
121  Vgl.  VON  ZUR  MÜHLEN:  War  die  Volksabstimmung  am  13.  Januar  1935  eine  Fälschung?

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