Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

Unverändert  lückenhaft  war  der  Stand  der  Erfassung  der  reichsdeutschen  Wähler.
Noch  immer  hatten  die  Behörden  auf  eine  genaue  Nachprüfung  der  Stimmberechtigung
  verzichtet,  weswegen  in  der  Saarkartei  auch  ein  nicht  näher  bekannter  Teil  von
Personen  geführt  wurde,  deren  Abstimmungsberechtigung  in  Frage  stand".  Ähnlich
wie  in  früheren  Jahren  gab  sich  Vogel  auch  nach  Gleichschaltung  des  Bundes  nicht
mit  der  Begründung  des  Auswärtigen  Amtes  zufrieden,  zunächst  die  vom  Völkerbund
zu  erlassenden  Ausführungsbestimmungen  abwarten  zu  müssen,  bevor  konkrete
Maßnahmen  eingeleitet  werden  könnten5 6 9:  Er  wandte  sich  an  das  Statistische  Reichsamt
  mit  der  Bitte,  wenigstens  bei  der  nun  bevorstehenden  Volkszählung  nicht  erneut
die  Chance  verstreichen  zu  lassen,  nach  dem  Wohnort  am  Tag  der  Unterzeichnung
des  Versailler  Vertrages  zu  fragen  -  allerdings  mit  ähnlich  geringem  Erfolg  wie  acht
Jahre  zuvor'.  Die  abwartende  Passivität  der  Wilhelmstraße  läßt  sich  nur  zum  Teil
durch  die  pragmatische  Erwägung  erklären,  keine  unnötige  Arbeit  in  die  Erfassung
der  Abstimmungsberechtigten  zu  investieren,  bevor  nicht  die  Rahmenbedingungen
definiert  seien*.  Auch  der  langjährige  Saarreferent  im  Auswärtigen  Amt,  Hermann
Voigt,  der  die  personelle  Kontinuität  garantierte  und  dessen  Fachverstand  allgemein
anerkannt  war,  unterschätzte  sehr  lange  die  zu  bewältigenden  Schwierigkeiten.
Insbesondere  im  Hinblick  auf  die  stimmberechtigten  Saarländer  im  Ausland  kann  den
Reichsbehörden  nicht  der  Vorwurf  der  Blauäugigkeit  erspart  werden.
Erst  Ende  Januar  1934  kam  der  Stein  ins  Rollen^,  als  das  Statistische  Reichsamt
vorschlug,  die  bleibende  Zeit  zu  nutzen,  um  auf  der  Grundlage  der  alten,  überholten
Kartei  ein  aktuelles  Verzeichnis  der  abstimmungsberechtigten  Saarländer  zu  erstellen.
  Das  Amt  zeigte  sich  auch  empfänglich  für  die  Kooperation  mit  der  Berliner
Geschäftsstelle  „Saar-Verein“,  der  die  Aufgabe  zufallen  könne,  die  Stimmberechtigten
  anzuhalten,  sich  Nachweise  über  ihren  Wohnsitz  1919  zu  beschaffen10.  In  den

5  Vgl.  Brief  des  Statistischen  Reichsamtes  an  die  GSV  (20.11.31),  in:  BA-R  8014/1127;  Aufzeichnung
des  Statistischen  Reichsamtes  (27.12,33),  in:  BA-R  43-1/243.  Über  die  Volkszählung  1925  waren  etwa
37.000  Personen  ermittelt  worden,  die  Aussicht  auf  Aufnahme  in  den  Kreis  der  Wahlberechtigten
besaßen.
6  Vgl.  Brief  des  AA  an  die  GSV  (07.07.33),  in:  BA-R  8014/1129.
Vgl.  Brief  der  GSV  an  das  Statistische  Reichsamt  (06.05.33),  in:  PA  AA.  Il  a  Saargebiet,  R  75.457;
Brief  des  Statistischen  Reichsamtes  an  die  GSV  (27.05.33),  in:  BA-R  8014/1127.
8  Da  im  Saarstatut  ein  relatives  Wahlalter  von  20  Jahren  festgeschrieben,  das  Datum  des  Plebiszits
hingegen  noch  nicht  bekannt  war,  hätte  der  Personenkreis  unter  Umständen  stark  variieren  können.
9  Die  Genfer  Januartagung  des  Völkerbundes  hatte  zwar  weder  einen  Abstimmungstermin  noch  organisatorische
  Details  benannt,  zur  Klärung  dieser  Fragen  aber  einen  dreiköpfigen  Ausschuß  unter  dem
Vorsitz  des  italienischen  Barons  Pompeo  Aloisi  eingesetzt,  dem  ferner  der  Argentinier  José  Maria
Cantilo  und  der  Spanier  Salvador  de  Madariaga  bzw.  dessen  Nachfolger  Julio  Lopez  Olivän  angehörten:
Vgl.  JO  15  (1934)  2-1,  S.  160-163.  Die  Reaktion  des  SF  auf  die  Ernennung  des  Ausschusses  war
zurückhaltend  positiv:  Die  deutsch-saarländischen  Hoffnungen  seien  zwar  nicht  vollständig  erfüllt,  die
französischen  Pläne  hingegen  gründlich  durchkreuzt  worden:  Vgl.  SF  15  (1934)  3,  S.  33  ff.;  SF  15
(1934)  9,  S.  151.  Zu  den  weiteren  Maßnahmen  des  Völkerbunds  und  der  Reko  im  Vorfeld  der  Saarabstimmung
  vgl.  WamBAUGH,  S.  129-322.
10  Vgl.  Brief  des  Präsidenten  des  Statistischen  Reichsamtes  an  den  RMWirtschaft  (23.01.34),  in:  BA-R
43-1/243.

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