Auf der einen Seite war der Massenzulauf charakteristisch für die Vortragspropaganda
nach 1933, auf der anderen Seite zeichneten sich die Saarkundgebungen durch
ihre große Zahl aus. So sehr es den Regisseuren der Abstimmungspropaganda auch
gefiel, daß die Saar in den letzten Monaten omnipräsent war, so sehr fürchteten sie
Ermüdungserscheinung und hieraus resultierendes Desinteresse. Insbesondere für das
grandiose Finale auf dem Koblenzer Ehrenbreitstein mußte die Spannung gehalten
werden, da nur von einer bestens besuchten Kundgebung das erhoffte Signal in
Richtung der noch Unentschlossenen ausgehen konnte. Mitte Juni 1934 zog daher
das Reichspropagandaministerium die Zuständigkeit für alle Saarkundgebungen im
Reich an sich.
Während die Bundestagungen der Saarvereine mit ihren anschließenden Massenkundgebungen
in den Jahren der Weimarer Republik das nach außen öffentlichkeitswirksamste
Propagandainstrument der Saarhilfsorganisation waren, entpuppte sich
die Niederwaldkundgebung 1933 ebenso wie die Ehrenbreitsteinkundgebung zum
Leidwesen der einstigen Führungsriege als ausschließlicher Staatsakt der Reichsregierung.
Der Bund gab im Grunde nur noch seinen Namen für die grandios aufgezogene
Selbstpräsentation der inzwischen nationalsozialistischen „Deutschen
Mutter“. Ihrem zweimaligen Ruf an den Rhein hatte das Lager der Rückgliederungsgegner
nichts Adäquates entgegenzusetzen. Beide Veranstaltungen, schon Wochen
zuvor minutiös geplant und mit großem organisatorischen Aufwand in Szene gesetzt,
dienten in noch stärkerem Maße als frühere Kundgebungen dem Ziel, den Versammelten
das Gefühl zu vermitteln, sich auf der richtigen Seite zu befinden und
gegen alle potentiellen Gegner - Regierungskommission, Frankreich, Status-quo-Sympathisanten
- bestehen zu können. Die einzelnen Teilnehmer gingen in der
scheinbar homogenen Masse auf. die ihnen Macht und Stärke suggerierte.
367