Saar" und in Straßenbahnen Hunderte
ähnlicher Werbetafeln anbringen168.
Der Vorteil dieser Art von
Propaganda lag auf der Hand: Sie
war nicht nur kostengünstig und damit
von den Ortsgruppen leicht zu
bewerkstelligen, sondern konfrontierte
die gesamte Bevölkerung einer
Stadt mit der Saarfrage. Das Lesen
eines Artikels oder gar der Besuch
einer Veranstaltung setzte eine aktive
Beteiligung des Rezipienten voraus,
während er sich den kurzen und eingängigen Parolen im Straßenbild praktisch kaum
entziehen konnte. Der Phantasie der Ortsgruppen waren praktisch keine Grenzen
gesetzt, beispielsweise nahm der Saarverein in Halle in den Jahren 1933 und 1934
mit einem eigenen Boot am städtischen Laternenfest vor 160.000 Zuschauern teil. In
der Nähe der Burg Gibichenstein hatte er eine Stellwand mit der zwei Meter hohen
Parole „Freie Saale, denk an die Saar" angebracht, die nachts entzündet wurde169.
Im Grunde genommen überrascht die Feststellung, daß erst im Jahr 1934 von privater
Seite Initiativen zur Errichtung von Saardenkmälern ausgingen. Selbstverständlich
besaßen weder die öffentliche Hand noch die führenden Köpfe in der Geschäftsstelle
„Saar-Verein“ ein Interesse daran, den unerwünschten Saarstaat durch Materie
gewordene Erinnerung zu ehren und damit zu legitimieren, doch hätten Saarmahnmäler
schon vor der Rückgliederung einen wichtigen Beitrag leisten können, um die
Saar im Bewußtsein der Bevölkerung zu verankern. Gedenkstätten können ohnehin
nicht für sich genommen existieren und bedürfen einer feierlichen öffentlichen
Einweihungszeremonie als Interpretationsvorgabe für die meist ikonographischkünstlerisch
versteckte Aussage. So wäre es angesichts des nur durch die Hyperinflation
vorübergehend gestoppten Baubooms für Denkmäler170 ein leichtes gewesen,
zu Zeiten der Republik einem Ehrenmal eine weitere Konnotation zuzuschreiben. Die
öffentliche Erinnerung an das Schicksal der Saar wäre so ein Teil des Alltagslebens
geworden. Als Mittel der Identitätsstiftung171 hätte an geeignet erscheinenden Gedenktagen
wie dem 10. Januar, dem 28. Juni (Inkrafttreten bzw. Unterzeichnung des
Versailler Vertrages) oder dem 6. August (Schlacht bei Spichern) an der Erinne-168
Vgl. BA-R 8013/184. Vergleichbare Transparente ließen auch die Ortsgruppen in Dinslaken, Dortmund.
Erfurt und Essen an den Verkehrsknotenpunkten der Stadt aufstellen: Vgl. SF 15 (1934) 8, S.
147; SF 15 (1934) 11. S. 207; SF 15 (1934) 13, S. 252. Zur Werbung in Straßenbahnen vgl. Dach,
S. 16 und S. 24.
169 Vgl. SF 14 (1933) 18. S. 357; SF 15 (1934) 18/19, S. 398.
170 Vgl. SCHLIE, S. 70-97.
171 Vgl. hierzu: KOSELLECK: Kriegerdenkmale. Bezogen auf das Saargebiet: LlNSMAYER: Politische
Kultur, S. 37-84.
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