Zwischen den euphorisch positiven Sonderberichten der reichsdeutschen bzw.
rückgliederungsnahen saarländischen Presse und den nicht weniger einseitigen
Versuchen der Status-quo-Anhänger, die Koblenzer Tagung zu diskreditieren,
bewegen sich die Meinungen nüchterner Beobachter. Das einotionsgeladene und
massenpsychologisch durchdachte Spektakel zog selbst dem Nationalsozialismus
kritisch eingestellte Zeitgenossen in seinen Bann145. Allerdings warnte schon am
folgenden Tag der Trierer Bischof Bornewasser davor, voreilige Rückschlüsse über
den Ausgang der Abstimmung zu ziehen und sich über die bestehenden Gefahren
hinwegzutäuschen.14'1 Auch die Berliner Wilhelmstraße beurteilte die Tagung differenzierter:
„Die Rede des Führers auf dem Ehrenbreitstein hat günstig und beruhigend gewirkt, wenn ich
mich auch nicht der Ansicht eines Optimisten anschließen kann, daß in den Kreisen der hiesigen
katholischen Bevölkerung alle Ereignisse des 30. Juni bereits vollkommen vergessen worden
seien. Im übrigen hat die Feier auf dem Ehrenbreitstein an eine große Anzahl der Teilnehmer so
erhebliche physische Anforderungen gestellt, daß diese nicht in allen Fällen durch die unzweifelhaft
erweckte Begeisterung wett gemacht worden sind. Insofern liegt in der Veranstaltung
derartig umfangreicher Feiern [...] ein gewisses Risiko, dessen Bedeutung nicht unterschätzt
werden darf.“147
Angesichts vereinzelter kritischer Äußerungen enttäuschter Rheinfahrer wollten die
Rückgliederungsgegner ihren Anhängern nach Koblenz gar glauben machen, daß die
Status-quo-Bewegung gute Chancen besitze. Schließlich seien in Sulzbach doch mit
70-100.000 Saarländern immerhin annähernd so viele wie am Ehrenbreitstein
(100-150.000) gewesen. Während davon ausgegangen werden könne, daß alle
Besucher der Einheitsfrontfeier sich gegen die Vereinigung der Saar mit dem nationalsozialistischen
Deutschland aussprechen werden, sei dies umgekehrt für die
Teilnehmer der Koblenzer Kundgebung nicht gegeben14*. Genährt wurde diese -
letzten Endes verhängnisvolle - Illusion durch den Umstand, daß sich bei weitem
nicht alle Teilnehmer aus freien Stücken auf den Weg zum Rhein gemacht hatten und
die kostenlose bzw. vergünstigte Abgabe von Nahrungsmitteln auf den beiden großen
Saartagungen 1933 und 1934 ihren eigenen Reiz ausiibte.
Auch in den Reaktion Frankreichs auf die Ehrenbreitstein-Tagung mischte sich
oftmals Wunschdenken mit tatsächlichen Begebenheiten. So rechnete ein Beobachter
des französischen Konsulats Mainz die maximale Teilnehmerzahl auf 200-300.000
Besucher runter - von denen ein Drittel dienstverpflichtet worden sei - bevor er zu
dem Fazit gelangte, daß das propagandistische Ziel nicht erreicht wurde. Derartige
Versuche, die Bedeutung der Koblenzer Saarkundgebung zugunsten der Sulzbacher
145 Vgl. die vom letzten Rabbiner der Saarbrücker jüdischen Gemeinde vor der Rückgliederung beschriebenen
Reaktionen auf die Koblenzer Inszenierung, in: RÜLF, S. 106.
146 Ferner kritisierte er die Behandlung von Katholiken im Reich sowie die Inhaftierung von Geistlichen,
was die einst sicher geglaubte Abstimmung aufs schwerste gefährde. Offiziell nahm Bornewasser aus
gesundheitlichen Gründen nicht an der Tagung teil: Vgl. Brief Bornewassers an Hitler (27.08.34), in:
Bistumsarchiv Trier 59/48.
147 Vgl. Bericht Fritz von Stumms (08.09.34), in: PA AA. II a Saargebiet. R 75.468: BALK, S. 34.
I4B Vgl. „Westland“ Nr. 35 (01.09.34).
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