sich die Stimmung im Saargebiet gegenüber dem Vorjahr dergestalt verschlechtert,
daß die Saarländer durch die diversen Saarfeiern im Reiche übersättigt seien und sich
eine gewisse „Aufmarschmüdigkeit“ breitmache. Bei einer 75%igen Ermäßigung auf
den Strecken der Reichsbahn rechnete er nur mit maximal 25.000 Saarländern, die
den Weg nach Koblenz finden würden; eine Gratisfahrt könnte immerhin die vierfache
Zahl zur Teilnahme motivieren140. Sechs Wochen später meldete der Ausschuß
hingegen, daß nach 150.000 Anmeldungen aus dem Saargebiet die Transportkapazitäten
erschöpft seien141. Daß die Mobilisierungskampagne letzten Endes doch erfolgreich
verlief, lag hauptsächlich daran, daß die Kundgebung in den Monaten Juli und
August 1934 in der saarländischen Öffentlichkeit allgegenwärtig war. Die freiwillig
gleichgeschalteten Zeitungen quollen über von euphorischen Artikeln über das bevorstehende
Spektakel, und sofern sie nicht dem Lager der Rückgliederungsgegner zuzurechnen
waren, warben praktisch alle saarländischen Vereine und Verbände für den
Besuch. Hierzu gesellte sich wie schon im Vorjahr ein immer stärkerer Druck, da die
Teilnehmerlisten gemeindeweise erstellt wurden und die Presse ausgiebig über den
aktuellen Stand der zu erwartenden Besucherzahlen berichtete. So konnten auch
anfangs noch zögernde Saarländer im Laufe der Wochen abschätzen, daß sie letztlich
zu einer isolierten Minderheit gehören würden142 143. Ferner lagen französische Beobachter
sicherlich nicht völlig falsch mit ihrer Behauptung, daß viele Rheinfahrer
die Reise auf sich genommen hatten, um günstig einen Tag in Koblenz zu verbringen142.
Kein Wunder, daß der Eindruck vorherrschte, es handele sich um eine Vergnügungsfahrt:
Selbst der „Völkische Beobachter“ warb mit den Fahrpreisermäßigungen
und blendete den propagandistischen Hintergrund der Tagung bewußt aus144.
140 Vgl. Protokoll der Vorbereitungssitzung vom 02.07.34 (05.07.34), in: StA Koblenz, 623/6194.
141 Vgl. Brief Cartellieris an das AA (17.08.34), in: PA AA. II a Saargebiet, R 75.465. Der SF schätzte
die Gesamtbesucher auf etwa 500.000 Personen: Vgl. Saar-Treuekundgebung auf dem Ehrenbreitstein;
SF 15 (1934) 18/19, S. 372.
142 Der Druck erhöhte sich dort um ein Vielfaches, wo Anhänger der DF durch persönliche Besuche an
der Haustür die Listen zu füllen versuchten. Die sozialdemokratische Opposition fühlte sich durch
diese vordergründig logistische Erfassung an die Zeiten Stumms und Hilgers erinnert und unterstellte
den Hintergedanken, die „Abtrünnigen“ anschließend gezielter bearbeiten zu wollen: Vgl. „Volksstimme“
Nr. 160 (13.07.34). Zumindest von den Warndtgemeinden (Ludweiler. Lauterbach, Karlsbrunn,
Naßweiler, St. Nikolaus, Emmersweiler, Großrosseln) kursierten genaue Auflistungen über den
Besuch der beiden Kundgebungen: 2.203 Ehrenbreitsteinfahrer standen hier 172 Antifaschisten
gegenüber: Vgl. Tabelle (12.09.34), in: BA-R 8036/49.
143 Fritz Hellwig, der die Koblenzer Kundgebung persönlich miterlebte, faßte seine Eindrücke wie folgt
zusammen: „Die Masse der Teilnehmer aus dem Saargebiet genoß das ,Festival4 - der politische
Inhalt der Reden trat dahinter zurück.“ (Brief Hellwigs (30.01.2000)) und „In den Gaststätten und auf
den Bahnhöfen herrschte die Stimmung eines rheinischen Winzerfestes. Das bestätigten auch spätere
Unterhaltungen mit Teilnehmern.“ (Brief Hellwigs 14.07.2002). Verantwortlich für die Verpflegung
in der Nähe des Kundgebungsgeländes war der Hilfszug „Bayern“, der insgesamt über 200.000
Essensrationen austeilte. Vergleichbar mit heutigen mobilen Katastropheneinsatzverbänden diente er
vor allem der Verpflegung der Menschenmassen bei derartigen Großveranstaltungen und war zugleich
ein Propagandainstrument zur Außendarstellung des effizienten NS-Staates: Vgl. HiNRICHSEN, S.
19-34 und S. 110; „Saar-Zeitung“ Nr. 198 (01.09.34).
144 Vgl. „Völkischer Beobachter“ Nr. 222 (10.08.34) und Nr. 227 (15.08.34).
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