Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

nach  Hitlers  Auftritt  ihr  Ende.  Wiederum  dauerte  es  Stunden,  bis  die  gewaltige  Menschenmasse
  zu  den  Bahnhöfen  im  Tal  abmarschiert  war.
Dramaturgisch  war  das  massenpsychologische  Happening  auf  die  charismatische
Erscheinung  Hitlers  zugeschnitten131;  mittels  vorangehender  Redebeiträge  und
musikalischer  Untermalung  sollte  die  Spannung  bis  zum  erlösenden  Eintreffen  des
„Führers“  gesteigert  und  gehalten  werden.  Derartig  in  kollektive  Euphorie  gesetzt,
war  die  Bereitschaft,  den  Worten  des  Reichskanzlers  Glauben  zu  schenken,  um  ein
Vielfaches  größer132.  Ferner  galt  es,  die  nicht  nach  Koblenz  gereisten  Abstimmungsberechtigten
  sowie  die  noch  Unentschlossenen  in  einen  ähnlichen  Bann  zu  ziehen
und  vor  allem  den  Kritikern  des  nationalsozialistischen  Regimes  vor  Augen  zu
führen,  wie  die  Machtverhältnisse  vier  Monate  vordem  Plebiszit  verteilt  seien.  Dies
war  um  so  wichtiger,  als  parallel  in  der  saarländischen  Bergarbeitergemeinde  Sulzbach
  eine  Gegenkundgebung  der  Status-quo-Anhänger  stattfand.  Anschließend  setzte
auf  beiden  Seiten  ein  Feilschen  um  die  jeweiligen  Teilnehmerzahlen  sowie  deren
quantitative  Zusammensetzung  ein,  so  daß  die  inhaltlichen  Ausführungen  fast  in  den
Hintergrund  gerieten.
*  *  *
Anders  als  noch  im  Vorjahr,  als  die  saarländische  KPD  in  Saarbrücken  und  die
saarländischen  Sozialdemokraten  in  Neunkirchen  gegen  die  Niederwaldkundgebung
mobil  machten,  riefen  sie  1934  gemeinsam  zu  einer  Gegenveranstaltung  auf.  Viel  zu
spät  hatten  sich  die  Parteiführungen  Anfang  Juli  1934  dazu  durchgerungen,  unter
Wahrung  der  jeweiligen  Eigenständigkeit  beider  Parteien  ein  Einheitsfrontabkommen
zu  schließen.  Kleinster  gemeinsamer  Nenner  war  die  Übereinkunft,  die  Rückgliederung
  an  das  nationalsozialistische  Deutschland  zu  verhindern  und  statt  dessen  für
die  Beibehaltung  des  gegenwärtigen  Zustandes  an  der  Saar  einzutreten133.
Etwa  eineinhalb  Stunden  nach  der  Kundgebung  in  Koblenz  begann  die  Gegenveranstaltung
  auf  dem  Areal  des  Reichsbannerheims  in  Sulzbach.  Zwar  wies  sie  mit
verschiedenen  Rede-  und  Musikbeiträgen  ähnliche  Elemente  auf  wie  die  Inszenierung
am  Rhein  und  Fahnen  und  Spruchbänder  appellierten  ebenso  an  den  Durchhaltewillen.
  doch  konnte  sie  -  abgesehen  von  der  geringeren  Teilnehmerzahl  -  kaum  mit
Koblenz  konkurrieren:  Im  Gegensatz  zur  ausgereiften  Veranstaltungsliturgie  der

131  Wie  auch  schon  im  Vorjahr  war  er  der  Publikumsmagnet,  für  den  die  Besucher  aus  dem  Saargebiet
stundenlange  Strapazen  auf  sich  nahmen:  Vgl.  RÖCHLING,  S.  14:  Balk.  S.  145:  SF  15  (1934)  18/19,
S.  377.
132  Zu  den  Veränderungen,  die  der  einzelne  innerhalb  einer  Masse  erfährt,  vgl.  HEINEMANN:  Individuum
und  Masse;  Le  Bon,  S.  10-37.
133  Zur  Einheits-  bzw.  Freiheitsfront,  die  anders  als  ihr  Gegenpart,  die  „Deutsche  Front“,  keine  feste
Organisationsform  annahm  und  lediglich  über  eine  „Geschäftsstelle  für  Abstimmungsfragen“  als
Informationsdrehscheibe  verfügte,  vgl.  Kunkel,  S.  93-102;  von  zur  Mühlen:  Schlagt  Hitler,  S.
195-210;  Paul:  Max  Braun,  S.  79-84.  Aus  orthodox  marxistischer  Sicht,  die  das  Hauptverdienst  am
Zustandekommen  der  Zweckkoalition  der  saarländischen  KP  zuschrieb:  BlES:  Das  Einheitsfrontabkommen;
  DERS.:  Klassenkampf,  S.  106-129.

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