können und Prognosen über den Ausgang des Plebiszits Anfang 1935 zu treffen.
Ohne dies so prononciert auszusprechen, wertete auch Simon in seiner Rede am
Denkmal die gesamte Veranstaltung als Gradmesser95.
Aus naheliegenden Gründen zweifelten französische Kommentatoren den erhabenen
Charakter der Kundgebung an: Der „einfache“ Saarländer habe sich anstatt um das
Denkmal, dessen Plateau für die offiziellen Gäste reserviert gewesen sei, im Schatten
der umliegenden Bäume um eine Flasche Wein versammelt. Zahlreiche französische
Blätter unterstellten den Teilnehmern gar eine niedere Gesinnung: Die saarländischen
„Pilger“ seien in erster Linie wegen der Festgelage und Unmengen an Delikatessen
an den Rhein gekommen. Kaum den Zügen entstiegen, hätten sie sich umgehend
Alkoholexzessen hingegeben. Nach jedem Festredner sei ein neues Glas geleert
worden. Somit erschien die Kundgebung in den Berichten der französischen Zeitungen
als hemmungslose Orgie mit politischer Fassade96. Auch in seinem offiziellen
Bericht über die Vorbereitungen zur Tagung hob das französische Mitglied der
Regierungskommission den Ausflugscharakter hervor: Für die Saarländer sei es
äußerst reizvoll, nahezu kostenlos eine Reise an den Rhein zu unternehmen. Erwachsene
zahlten lediglich 30 Francs, Kinder und Jugendliche die Hälfte, während
Arbeitslose und Kriegsbeschädigte Freifahrt genießen sollten97. Unbeschadet dessen,
daß die Teilnehmerzahlen heruntergerechnet, die organisatorischen Mängel kritisiert,
der Sinn und Zweck der Tagung in Frage gestellt und die verbalen Ausfälle Simons,
Spaniols und Rusts von französischer Seite bewußt überinterpretiert wurden98, belegt
das breite Presseecho, daß die Niederwaldkundgebung dort ihre Wirkung nicht
verfehlt hatte. Insbesondere das Bekenntnis Hitlers zur Verständigung mit Frankreich
fand rege Beachtung99.
Die beiden Gegenveranstaltungen der KPD-Saar in Saarbrücken und der SPD-Saar
in Neunkirchen zeigen, daß die im Reich bereits verbotenen Linksparteien der
95 Während für die Anhänger der Angliederung an Frankreich ein Nebenzimmer genüge, reiche der Platz
kaum aus, um die Befürworter der Rückgliederung aufzunehmen: Vgl. SF 14 (1933) 18, S. 329.
96 Schon im Vorfeld hatte die französische Agence Havas vor allem die unterhaltenden Elemente der
Tagung wie die Sportveranstaltungen, die Reichswehrkapelle oder die Mitwirkung der Chöre betont
(19.08.33) , in: PA AA, II a Saargebiet, R 76.095. Vgl. „L’Intransigeant“ (28.08.33, 29.08.33 und
30.08.33); „La Liberte“ (28.08.33). Vgl. ebenfalls Jean Revires Polemiken im „Figaro“ Nr. 242
(30.08.33) , Nr. 243 (31.08.33) und Nr. 248 (05.09.33).
97 Vgl. Brief Morizes an Außenminister Paul-Boncour (10.08.33), in: MAE, Sarre 281. Seine Beobachtung
war keineswegs aus der Luft gegriffen: Der Großteil der 15.000 Saarländer, die ihre Reise an den
Rhein nicht selbst bezahlen konnten oder wollten, knüpfte seine Teilnahme an die Bedingung, daß die
Kosten vollständig von dritter Seite übernommen würden: Vgl. Telefonnotiz derGSV (29.07.33), in:
BA-R 8014/100.
98 Vgl. „Le Petit Marseillais“ (28.08.33); „L’Echo de Paris“ (29.08.33).
99 Vgl. Brief der Deutschen Botschaft Paris an das AA (15.09.33), in: PA AA, II a Saargebiet, R 76.096:
Telegramm Francois-Poncets an Ministerpräsident Daladier (29.08.33), in: MAE, Sarre 281. Reaktionen
der Presse wurden auszugsweise wiedergegeben in: SF 14 (1933) 18, S. 340 f.; SF 14 (1933)
19, S. 365 f. Allem Anschein nach liefen Sequenzen aus Hitlers Rede auch in französischen Wochenschauen:
Vgl. „Saarfront“ Nr. 170 (09.09.33).
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