Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

dern  gekommen,  zu  denen  weitere  5.000  Saarländer  zu  rechnen  waren,  welche
entweder  vorausgereist  waren  oder  sich  mittels  anderer  Verkehrsmittel  an  den  Rhein
begaben.  Alles  in  allem  seien  82.000  Personen  von  der  Saar  dem  Ruf  gefolgt,  zu
denen  sich  die  gleiche  Zahl  an  reichsdeutschen  Teilnehmern  gesellte90.
Die  französische  Seite  zweifelte  an  dieser  Größenordnung91.  Mit  großer  Genugtuung
meldete  Etienne  Vaysset,  der  Vertreter  des  Quai  d’Orsay  bei  der  Bergwerksdirektion,
daß  von  den  ursprünglich  angekündigten  100.000  Personen  insgesamt  nur  etwa  50-55.000
 Saarländer  der  Niederwaldkundgebung  beiwohnten  '2.  Versuchte  er  den  Erfolg
der  Veranstaltung  schon  in  quantitativer  Hinsicht  in  Frage  zu  stellen,  so  glaubte
Vaysset,  das  Scheitern  der  deutschen  Saarpropaganda  endgültig  beweisen  zu  können,
indem  er  qualitativ  differenzierte:  Etwa  70%  der  reisenden  Teilnehmer  seien  Kinder
oder  Jugendliche  gewesen,  so  daß  maximal  15.000  Abstimmungsberechtigte  nach
Rüdesheim  gefahren  seien.  Selbst  unter  den  Erwachsenen  müsse  mit  einer  größeren
Zahl  von  Personen  gerechnet  werden,  die  sich  erst  nach  1919  im  Saargebiet  niedergelassen
  hätten92 94.  Angesichts  der  immensen  investierten  Geldmittel  hätte  man  eine
weitaus  größere  Beteiligung  aus  dem  Saargebiet  erwarten  können.  Auch  die  Autoren
der  späteren  Einheitsfront  waren  bemüht,  die  Zahl  der  saarländischen  Besucher  zu
relativieren  und  sie  auf  den  Druck  zurückzuführen,  der  auf  die  Saarbevölkerung  im
Vorfeld  ausgeübt  worden  war:  Beispielsweise  ordnete  der  saarländische  Großindustrielle
  Knöchling  -  unschwer  mit  dem  Völklinger  Hüttenbesitzer  Hermann  Röchling
zu  identifizieren  -  in  Gustav  Reglers  Roman  „Im  Kreuzfeuer“  an,  daß  alle  seine
Angestellten  an  der  Kundgebung  teilzunehmen  hätten.  Gleichzeitig  spielt  Regler  die
Bedeutung  der  seiner  Ansicht  nach  nur  40.000  Saarländer  in  Rüdesheim  qualitativ
herunter;  unter  ihnen  hätten  sich  kaum  Arbeiter  befunden:
„Leer  waren  die  Straßen  [Saarbrückens  -  F.B.),  nach  Rüdesheim  war  Herr  Studienassessor  und
Herr  Rendant  gefahren,  [...]  Am  deutschen  Rhein  waren  auch  alle  Pennäler,  die  Beleber  des
Straßenbilds  kleiner  Städte,  die  Flaneure  der  Abendstunden,  heute  in  der  Pubertät,  morgen  reif
O  A  „94
zur  SA.
Sinn  und  Zweck  dieser  Zahlenspielereien  war,  aus  der  Beteiligung  der  saarländischen
Bevölkerung  direkte  Rückschlüsse  auf  die  Stimmungslage  an  der  Saar  ziehen  zu

90  Vgl.  SF  14  (1933)  18,  S.  336.  VON  Puttkamer  (S.  92)  sprach  sogar  von  insgesamt  200.000  Teilnehmern.

91  Die  Vorbereitungen  zur  Tagung  waren  schon  seit  Monaten  beobachtet  worden:  Vgl.  Rapport  des
Commissaire  Special  de  Boulay  an  den  Sous-Préfet  (21.07.33),  in:  AN,  E7  13.472.  Vgl.  auch  die
Pressemeldungen  der  Agence  Havas  (10.08.33  und  18.08.33),  in:  PA  AA.  11  a  Saargebiet.  R  76.095.
92  Vgl.  Brief  Vayssets  an  das  französische  Außenministerium  (26.08.33),  in:  MAE,  Sarre  281.  Unabhängig
  von  seinen  Kalkulationen  meldete  auch  der  Commissaire  Spécial  de  Sarreguemines  seinem
Sous-Préfet  am  gleichen  Tag  eine  identische  Größenordnung  (26.08.33.  in:  AN,  F  13.472).  Französische
  Zeitungen  übernahmen  diese  Angaben  mit  nur  geringfügigen  Variationen:  Vgl.  Pressemeldung  der
Agence  Havas  (27.08.33),  in:  MAE,  Sarre  281;  „Le  Temps“  (28.08.33);  „Eclaireur  de  Nice  et  du  Sud-Est"
  Nr.  245  (02.09.33).
93  Vgl.  Briefe  Vayssets  (26.08.33)  und  Morizes  (28.08.33)  an  das  französische  Außenministerium,  in:
MAE,  Sarre  281.
94  Vgl.  Regler.  S.  196.  271-274  und  S.  286.  Auch  Morize  berichtete  am  04.09.33  seinem  Außenminister
(in:  MAE,  Sarre  281)  von  den  kursierenden  Listen  im  Röchlingwerk.

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