als Identifikationsfigur für die saarländische Bevölkerung-einen Treuschwur auf die
Rückkehr der Saar74. Einen ersten liturgischen Höhepunkt hatte die Veranstaltung
schon durch das gemeinschaftliche Singen des Saarliedes* 80 erfahren; die Worte des
Bergmanns wirkten nach dem kollektiven Bekräftigungsakt wie ein Glaubensbekenntnis.
Gegen 19 Uhr traf schließlich Hitler, vom Tannenbergdenkmal per Flugzeug kommend,
am Rhein ein. Anders als seine beiden Vorredner verzichtete er in seiner Rede
auf polemische Ausfälle81. Das eigentliche Thema seiner Ausführungen, die offizielle
Haltung der deutschen Reichsregierung zur Saarfrage, war eingebettet zwischen
offensiver Werbung für das neue nationalsozialistische Deutschland und der Diskreditierung
seiner politischen Gegner als Lügner und Volksverräter. Ganz im Stil
seiner in den ersten Jahren des Dritten Reiches unermüdlich beteuerten Friedenspropaganda82
83 beharrte er darauf, daß die Rückkehr des Saargebietes zu den natürlichen
Rechten der Gegenwart gehöre. Deutschland wolle gerne mit Frankreich über
alle wirtschaften Angelegenheiten verhandeln und sich verständigen. „In einem aber
gibt es keine Verständigung: Weder kann das Reich Verzicht leisten auf euch, noch
könnt Ihr Verzicht leisten auf Deutschland. (Starker Beifall.)“8 ' Kein Deutscher könne
in der anstehenden Abstimmung für ein autonomes Saargebiet oder gar den
Anschluß an Frankreich votieren; es bleibe nur die dritte Lösung: „Zurück zu
Deutschland! (Langanhaltender Beifall.)“ Nach seinen Ausführungen endete die
Veranstaltung mit dem obligatorischen Deutschland- und Horst-Wessel-Lied.
Ähnlich wie die nachfolgende Bundestagung auf dem Ehrenbreitstein 1934 paßte
auch die Niederwaldkundgebung in das Versammlungsritual, das sich ab Anfang der
19 Vgl. KLOEVEKORN: Saarland? Deutsches Land!, S. 81.
80 Während es schon in den zwanziger Jahren einen rasanten Siegeszug sowohl an der Saar wie innerhalb
der Ortsgruppen des Bundes erlebt hatte, entwickelte sich das Saarlied in den Monaten bis zur Abstimmung
zu dem Bekenntnislied der Rückgliederungsbefürworter: Vgl. PAUL: Deutsche Mutter, S.
122. Noch im gleichen Jahr wurde es per Erlaß des RMI zum „Gemeingut des Deutschen Volkes“
erklärt: Vgl. HANNIG: „Deutsch ist die Saar“, S. 118. Im zweiten Abstimmungskampf an der Saar 1955
erlebte die inoffizielle Saarhymne eine Renaissance, Heinrich SCHNEIDER (S. 143), einer der entschiedensten
Kämpfer für die Rückgliederung, behauptete gar, die Saar sei „heim-gesungen“ worden.
81 Zur Rede Hitlers vgl. SF 14 (1933) 18, S. 331; W.T.B. (28.08.33). Vgl. den Entwurf Voigts (August
1933), in: PA AA, II a Saargebiet, R 76.096.
82 Da die Realisierung seiner Lebensraumvision von dem Vorhandensein einer schlagkräftigen Armee
entscheidend abhing, betrieb Hitler während der ersten Jahre eine bewußte Beschwichtigungspolitik
gegenüber Paris, um mit Hilfe dieser „Strategie grandioser Selbstverharmlosung“ (JACOBSEN, S.
328-339) die nötige Atempause für die Aufrüstung der deutschen Wehrmacht zu erhalten. Diese Phase
gemäßigter Revisionsforderungen diente zugleich der innenpolitischen Konsolidierung der nationalsozialistischen
Herrschaft: Vgl. VON SCHRAMM, S. 33-59.
83 Der letzte Satz dieser Textpassage gab einer ganzen Abteilung der Kölner Saarausstellung 1934 den
Namen. Dort wurde auch ein Sonderdruck der Rede präsentiert: Vgl. HessHStA, NL Sante 89. Die
öffentlichen Äußerungen Hitlers über Frankreich nach der „Machtergreifung“ unterschieden sich
deutlich von seiner Polemik der zwanziger Jahre: Vgl. HITLER, S. 699. Vgl. zum Frankreichkonzept
Hitlers in den zwanziger Jahren: HlLDEBRAND, S. 605 ff.; P01DEVIN/ BARIETY, S. 369-372 sowie
KUHN, S. 41 f. und S. 74-80.
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