Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

rungskommission.  Erst  im  Herbst  1921-  und  damit  später  als  im  Deutschen  Reich  -
beschränkte  die  Arbeitsordnung  der  Administration  des  Mines  Domaniales  de  la
Sarre  die  tägliche  Arbeitszeit  unter  Tage  auf  7,5  Stunden.  Wie  aus  der  Graphik  auf
Seite  31  ersichtlich,  verzeichneten  die  saarländischen  Gruben  im  Jahr  1924  ihren
Förderhöchststand,  da  nach  dem  Ruhrkampf  des  vorangegangenen  Jahres  verstärkter
Kohlenbedarf  herrschte102 103.
Basierend  auf  dieser  ökonomischen  Machtposition  lassen  sich  in  der  Zwischenkriegszeit
  drei  Phasen  der  französischen  Saarpolitik  mit  jeweils  fließenden  Übergängen
nachzeichnen103:  In  den  ersten  Jahren  bis  1926  bauten  die  Vertreter  Frankreichs  noch
auf  die  Strategie  von  „Zuckerbrot  und  Peitsche“,  die  ihnen  helfen  sollte,  entweder  das
bevorstehende  Plebiszit  für  sich  entscheiden  oder  die  Versailler  Regelung  durch  ein
vorzeitiges  Abkommen  zu  ihren  Gunsten  revidieren  zu  können104.  Während  unmittelbar
  nach  Einzug  der  Besatzungstruppen  die  Meinung  dominierte,  aufgrund  der
noch  immer  vorhandenen  Frankophilie  der  Saarländer  leichtes  Spiel  zu  haben,
richteten  sich  die  an  die  Saar  delegierten  Akteure  bald  auf  eine  längere  und  beschwerlichere
  Auseinandersetzung  ein105.  Zwischenfälle  wie  der  Streik  der  Bergarbeiter
  1923  trugen  maßgeblich  zu  dieser  Neuorientierung  der  französischen  Saarpolitik
  bei.  Im  Zuge  der  Entspannung  zwischen  Berlin  und  Paris  und  spätestens  nach
dem  eindeutigen  prodeutschen  Bekenntnis  der  Saarbevölkerung  anläßlich  der  Jahrtausendfeier
  1925  mußten  Ambitionen  auf  den  dauerhaften  Besitz  der  Saar  als  nicht
mehr  realisierbare  Illusionen  zu  den  Akten  gelegt  werden.  Was  folgte,  war  eine
Politik  der  Besitzstandswahrung106,  d.h.  die  durch  den  Versailler  Vertrag  eingeräumten
  wirtschaftlichen  Vorrechte  sollten  durch  bilaterale  Abkommen  über  die  vorgesehene
  15jährige  Frist  hinaus  gesichert  werden.  Mit  der  Einstellung  des  Bergarbeiterstreiks
  in  England,  der  Beseitigung  der  Kriegsschäden  und  der  daraus  resul¬102

  Vgl.  SWS  9  (1934),  S.  13-17;  HELLWIG:  Saar  zwischen  Ost  und  West,  S.  41-59.  Selbstverständlich
gingen  die  Veränderungen  bei  Förderung  und  Absatz  zwischen  1913  und  1919  nicht  so  linear  von
statten,  wie  dies  die  Graphik  suggeriert.  Auf  diese  Weise  zeigt  sich  allerdings  die  Umkehr  des
Kohlenabsatzes  am  deutlichsten:  Während  vordem  Krieg  über  ein  Drittel  der  an  der  Saar  geförderten
Kohlen  ins  Deutsche  Reich  (ohne  Elsaß-Lothringen)  gingen  und  nur  ein  Fünftel  nach  Westen
exportiert  wurde,  brach  der  Absatz  nach  Deutschland  Anfang  der  zwanziger  Jahre  fast  gänzlich
zusammen  und  stabilisierte  sich  auf  niedrigem  Niveau  (6-9%),  während  Frankreich  ab  1920  der
größte  Abnehmer  mit  einem  Abteil  von  bis  zu  40%  (1926)  war.  Begünstigt  wurde  diese  Entwicklung
durch  die  Einführung  des  Francs  an  der  Saar  bzw.  die  steigende  Inflation  im  Reich.
103  Vgl.  Lempert,  S.  49-121.  Aus  zeitgenössischer  Sicht:  Herold/  NlESSEN/  Steinbach;  Mayer:
Französische  Politik.  S.  26-91;  MAYER-GWENSEN,  S.  51-84.
104  Vgl.  Note  der  Direction  des  Affaires  Politiques  et  Commerciales  (06.02.20),  in:  MAE,  Sarre  149.
105  Vgl.  hierzu  die  beiden  unterschiedlichen  Einschätzungen  des  „Service  d’Alsace  et  Lorraine“  (Brief  an
das  französische  Außenministerium  (30.05.19),  in:  MAE,  Sarre  1)  und  Victor  Raults  (Brief  an  das
französische  Außenministerium  (08.03.20),  in:  MAE,  Sarre  4.
106  Nichtsdestotrotz  unternahm  Frankreich  ab  etwa  1928  den  Versuch,  zumindest  einige  Gebiete  links  der
Saar  wie  die  Gegend  um  Saarlouis  und  den  kohlenreichen  Warndt  dauerhaft  Frankreich  anschließen
zu  können:  Vgl.  Brief  Morizes  an  Außenminister  Briand  (31.12.28),  in:  MAE,  Sarre  14;  „Négociations
  eventuelles  avec  l’Allemagne“  (13.05.29),  in:  Ebd,

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