Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

wurde,  ohne  daß  sie  hierfür  Sorge  tragen  mußten.  Es  bedurfte  nicht  einmal  der
Anwesenheit  eines  hohen  Repräsentanten  aus  Partei  oder  Staat,  um  die  Abhaltung
einer  Saarkundgebung  zu  rechtfertigen.  Gerade  den  jungen  Ortsgruppen  war  der
kleinste  Anlaß  willkommen,  sich  durch  eine  gewaltige  Inszenierung  zu  profilieren.
Ais  beispielsweise  im  September  1934  zufällig  300  Urlaubsgäste  aus  dem  Saargebiet
auf  der  Durchreise  in  Duisburg  weilten,  ließ  es  sich  die  Ortsgruppe  nicht  nehmen,
eine  Kundgebung  auf  dem  Theatervorplatz  zu  veranstalten,  der  eine  weitere  in  den
Abendstunden  mit  den  Duisburger  Abstimmungsberechtigten  und  verschiedenen
Parteiformationen  folgte  '1.  Solch  überbordender  Enthusiasmus  in  den  neuen  Ortsgruppen
  und  Stützpunkten  mündete  bisweilen  in  Konflikten  mit  Parteistellen,  die
ihrerseits  nicht  genehmigte  Saarkundgebungen  zu  unterbinden  versuchten.
Schon  bald  nahmen  die  Saarkundgebungen  überhand.  Die  württembergische  NSDAP
trat  Anfang  Februar  1934  mit  dem  ehrgeizigen  Vorhaben  auf  den  Plan,  in  allen
Ortschaften  Württembergs  mit  mehr  als  800  Einwohnern  jeweils  eigene  Kundgebungen
  zu  initiieren.  In  der  Tat  bildete  die  Zentralveranstaltung  in  Stuttgart  am  5.
April  1934  mit  Reichsstatthalter  Murr,  Gauleiter  Schmidt,  Ministerpräsident  Mergenthaler
  sowie  weiteren  Vertretern  von  Behörden  und  Verbänden  den  Auftakt  zu
etwa  1.000  Kundgebungen  im  ganzen  Land,  die  sich  in  den  darauffolgenden  beiden
Wochen  anschlossen'-2.  Angesichts  dieser  Flut  an  saarspezifischen  Veranstaltungen
überrascht  es  nicht,  daß  selbst  Saarkundgebungen,  die  zu  Weimarer  Zeiten  zu  den
größeren  Spektakeln  des  Bundes  gezählt  hätten,  nun  nur  noch  als  Randnotiz  im
„Saar-Freund“  erschienen31 33 35.  Ebenso  konnte  die  Beobachtung  der  Kundgebungen
durch  die  französischen  Vertretungen  nur  noch  sporadisch  erfolgen;  selbst  in  einer
einzelnen  Stadt  ließen  sich  die  zahllosen  Aktivitäten  nicht  mehr  überblicken:  Allein
in  Hamburg  sollen  in  den  beiden  Jahren  vor  der  Abstimmung  von  der  Ortsgruppe  in
Kooperation  mit  der  Landesstelle  des  Propagandaministeriums  etwa  200  Veranstaltungen
  mit  insgesamt  etwa  200.000  Besuchern  aufgezogen  worden  sein'4.
Gerade  in  der  Reichshauptstadt,  wo  die  ohnehin  zur  Tagesordnung  gehörenden
Aufmärsche  und  Akklamationsveranstaltungen  nun  noch  um  saarspezifische  Inszenierungen
  erweitert  wurden,  führte  die  Mobilisierungskampagne  zu  ersten  Ermüdungserscheinungen33
  bzw,  ebbte  das  Interesse  der  Berliner  Bevölkerung  am

31  Vgl.  SF  15  (1934)  21,  S.  442.
32  Vgl,  SF  15  (1934)  3,  S.  49;  SF  15  (1934)9,  S.  161;  SF  15  (1934)  12,  S.  334  f.
33  Vgl.  die  Berichte  zu  den  Kundgebungen  am  02./03.06.34  in  Mannheim  mit  10.000  Teilnehmern  oder
die  eine  Woche  später  in  Karlsruhe  stattfindende  Inszenierung  mit  etwa  50.000  Besuchern,  in:  SF  15
(1934)  14,  S.  275;  SF  15  (1934)13,  S.254.
34  Vgl.  Tätigkeitsbericht  der  Ortsgruppe  Hamburg  (30.11.34),  in:  BA-R  8014/391.  Vgl.  auch  die  Berichte
des  französischen  Generalkonsulats  Hamburg  an  das  Außenministerium  (05.03.34,  in:  MAE,  Sarre281)
bzw.  an  die  französische  Botschaft  in  Berlin  (17.05.34),  in:  C.A.D.N.,  Amb.  Berlin  B  671,
35  Verschiedene  Saarreferenten  hatten  „vor  einer  zu  frühzeitig  einsetzenden  intensiven  Propaganda
[gewarnt];  eine  Bevölkerung  von  über  800.000  Menschen  läßt  sich  zwar  eine  Zeitlang  unter  Stimmungshochdruck
  halten,  aber  nicht  zu  lange.  Die  Wirkung  verpufft  sonst  mit  der  Zeit  und  lockt  auch
zu  frühzeitig  eine  starke  westliche  Gegenpropaganda  heraus.“:  Brief  Binders  an  die  bayerische  Politi¬328


            
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